0

Warum leben kluge Menschen länger?

EDINBURGH – Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend bei Intelligenztests gut abschneiden, leben tendenziell länger. Zu diesem Ergebnis kam man in Australien, Dänemark, England, Wales, Schottland, Schweden und in den Vereinigten Staaten.  Eigentlich kam man überall, wo entsprechende Studien durchgeführt wurden, zu diesem Resultat.

Die Auswirkungen der Intelligenz auf die Mortalität stehen denen bekannter Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, hoher Blutzucker und hohe Cholesterinwerte um nichts nach. Der Einfluss der Intelligenz ist beinahe ebenso signifikant wie der des Rauchens.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Die Unterschiede in menschlicher Intelligenz sind auf Umwelteinflüsse und genetische Faktoren zurückzuführen. Ein bestimmter bei einem Intelligenztest in der Kindheit erzielter Wert ist teilweise das Ergebnis jener Spuren, die das Umfeld in Gehirn und dem Rest des Körpers bis zu diesem Zeitpunkt hinterlassen hat. Babys mit niedrigerem Geburtsgewicht, beispielsweise, neigen im späteren Leben eher zur Ausbildung chronischer Krankheiten. Außerdem verfügen sie im Durchschnitt über eine niedrigere Intelligenz. Allerdings konnte bei Tests zur Frage, ob ein niedriges Geburtsgewicht einen Teil des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Mortalität erklären können, keine derartige Verbindung nachgewiesen werden.

Auch die Berufe der Eltern stehen in Beziehung zur Intelligenz ihrer Kinder und deren späteres Krankheitsrisiko: Kinder mit privilegierterem Hintergrund weisen tendenziell höhere Intelligenz auf, sind bei besserer Gesundheit und leben auch länger. Dennoch liegen keine überzeugenden Beweise vor, wonach der elterliche Hintergrund den Zusammenhang zwischen höherer Intelligenz und längerem Leben erklären könnte.

Für andere Wissenschaftler sind die Ergebnisse von Intelligenztests möglicherweise mehr als nur ein Indikator für ein effizient arbeitendes Gehirn. Das Gehirn ist ja auch nur ein Organ des Körpers und daher könnten bei Menschen, deren Gehirn in frühen Lebensphasen gut funktioniert, auch andere Organe und Systeme effizienter arbeiten als bei anderen.

Allerdings ist diese Vorstellung einer „Systemintegrität“ irgendwie vage und schwierig zu testen. Die besten Ergebnisse in dieser Hinsicht lieferten uns Untersuchungen zur Frage, ob die Reaktionsgeschwindigkeit eines Menschen mit Intelligenz und Sterblichkeit in Zusammenhang steht. Das tut sie. Bei Tests der Reaktionsgeschwindigkeit ist nur wenig Denkeinsatz vonnöten, da lediglich verlangt wird, auf ein einfaches Stimulans so schnell wie möglich zu reagieren. Menschen, die rascher reagieren, weisen im Schnitt auch eine höhere Intelligenz auf und leben länger. Aber um diese Vorstellung der Systemintegrität noch umfangreicher zu prüfen, müssen wir uns bessere Messparameter einfallen lassen.  

Eine dritte potenzielle Erklärung ist, dass Intelligenz mit guter Entscheidungsfindung zu tun hat. Jeden Tag unseres Lebens treffen wir Entscheidungen hinsichtlich unserer Gesundheit: was, wann und wie viel wir essen, wie oft wir uns sportlich betätigen, wie wir uns im Krankheitsfall verhalten und so weiter.

Daher könnte der Grund für den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Tod darin liegen, dass Menschen, die als Kinder höhere Intelligenzwerte aufwiesen,  bessere Entscheidungen hinsichtlich ihrer Gesundheit und gesünderer Verhaltensweisen treffen. Als Erwachsene tendieren sie dazu, sich besser zu ernähren, mehr Sport zu treiben, weniger auf die Waage zu bringen, seltener einen Kater zu haben und so weiter.

So weit, so gut. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Noch gibt es keine Studien, in denen Intelligenzwerte in der Kindheit, Material über gesunde Verhaltensweisen im Erwachsenenalter und langfristige Folgedaten über Todesursachen und -zeitpunkte untersucht werden. Nur eine derartige Studie könnte uns verraten, ob diese gesunden Verhaltensweisen, den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Tod erklären.

Eine vierte Erklärung ist, dass Menschen mit einer höheren Intelligenz in der Kindheit eher einen höheren Bildungsgrad erreichen, in akademischen Berufen arbeiten, über höhere Einkommen verfügen und in wohlhabenderen Gegenden leben. Auch diese Variablen stehen in Zusammenhang mit einem längeren Leben. Vielleicht ist es ja so: höhere Intelligenz verschafft den Menschen die Mittel, um in einem sicheren und der Gesundheit zuträglicheren Umfeld zu leben.

Natürlich scheint in manchen Studien die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht einen großen Teil des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Tod zu erklären. Das Problem ist allerdings, dass diese „Erklärung“ rein statistischer Natur ist. Wir sind noch immer nicht sicher, ob etwa Bildung oder Beruf die Auswirkungen der Intelligenz auf die Gesundheit „erklären“ oder ob es sich dabei im Endeffekt lediglich um indirekte Maße für  Intelligenz handelt.

Die Forschung hat auch nach Hinweisen für den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Sterblichkeit bei einzelnen Todesursachen gesucht. Die Ergebnisse waren durchaus aufschlussreich. Eine geringere Intelligenz in frühen Lebensphasen wird mit einer größeren Wahrscheinlichkeit in Verbindung gebracht, beispielsweise an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unfällen, Mord und Selbstmord zu sterben. Für Krebs sind die Nachweise weniger eindeutig. Mit diesen spezifischen Ergebnissen konfrontiert, haben wir erkannt, dass jeder Zusammenhang wohl einer eigenen Erklärung bedarf.

Schließlich wissen wir, dass unsere Intelligenz und unsere Lebenserwartung sowohl durch Umweltfaktoren als auch durch die Gene beeinflusst werden. Es gibt Studienanordnungen mit Zwillingen, mit denen man herausfinden kann, bis zu welchem Grad Intelligenz und Sterblichkeit miteinander verbunden sind, weil  Zwillinge den gleichen Umwelteinflüssen unterliegen und über gleiche genetische Voraussetzungen verfügen.  

Fake news or real views Learn More

Eine der aufschlussreichsten Untersuchungen in der kognitiven Epidemiologie wäre es, eine große Gruppe von Zwillingen zu finden, von denen Daten zu ihrer Intelligenz in der Kindheit vorliegen. Diese Versuchsgruppe müsste dann über lange Zeit beobachtet werden, um schließlich Aufschluss über deren Tode zu gewinnen. Bis jetzt haben wir noch keine ausreichend große Gruppe mit Zwillingen gefunden, über die derartige Daten vorliegen. Die Suche danach hat Priorität.

Das oberste Ziel der Forschung ist herauszufinden, was intelligente Menschen haben und tun, das ihnen ein längeres Leben ermöglicht. Wenn wir das einmal wissen, werden wir in der Lage sein, diese Erkenntnisse zu verbreiten und anzuwenden, um beste Gesundheit für alle zu erzielen.