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Warum Castro überlebt

In einem Tanzstudio wirbelt ein junger kubanischer Ballettänzer durch die Luft und dreht sich, als ob irgendeine unsichtbare Kraft ihn in Bogenform halten würde. Dann springt er ohne Unterbrechung einmal, zweimal und mir verschlägt es angesichts der Höhe seiner grandes jetés den Atem. Und als sein gestreckter Vorfuß der Barre bedenklich nahe kommt, verschlägt es mir ein zweites Mal den Atem.

Willkommen in Kuba, einem Land das blendet und ernüchtert, wo man zwar Wunder und Monster, aber keine einfachen Antworten findet.

Die Kubaner erkennen diese Widersprüche ebenso schnell wie jeder Außenstehende. Und doch ist es unwahrscheinlich, dass die Kubaner Castro noch vor seinem Tod stürzen werden, obwohl der 77-jährige Diktator den Internetzugang beschränkt und jene wirtschaftlichen Erleichterungen wieder rückgängig macht, die Mitte der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts die selbständige Erwerbstätigkeit förderten.

Die fanatische Gemeinde der Anti-Castro-Exilkubaner in Miami meint, die Kubaner hielten sich aus Angst zurück. Das stimmt aber nicht. Ein Besucher wird in Kuba viele Menschen finden, die sich beschweren, aber spürbare Angst und tief sitzenden Hass, wie sie in El Salvador und Chile in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts herrschten, gibt es in Kuba heute nicht. Stattdessen macht sich unter den Kubanern eine Art Lähmung breit - entstanden aus einer Mischung aus Loyalität, Furcht und Indoktrination - während sie widerwillig darauf warten, dass es mit Castro zu Ende geht.