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Willkommen im 21. Jahrhundert

BERLIN – Zwei Jahrzehnte ist das 21. Jahrhundert jetzt nahezu alt, und zumindest in der westlichen Welt beginnt es lange Schatten zu werfen. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts frönte man allenthalben, vor allem aber in Europa, der Illusion vom „Ende der Geschichte“.

Der Westen habe im Kalten Krieg gesiegt, jenem dritten der drei großen globalen Kriege des 20. Jahrhunderts, aus der die Weltordnung um die letzte Jahrhundertwende herum hervorgegangen ist. Die Ordnung der Welt schien – im Interesse des Westens! – für alle Zeiten gesichert.

Fortan würde die Weltgeschichte quasi alternativlos ihrem ultimativen Ziel entgegenschreiten, nämlich der globalen Durchsetzung von westlicher Demokratie und Marktwirtschaft. Das neue Jahrhundert brächte die bloße Kontinuität seines Vorgängers, zudem noch in dessen triumphaler westlicher Spätphase. Welch grandioser Irrtum!

Nur zwei Jahrzehnte später ist die Welt klüger, und der Westen selbst erweist sich als ein veritables Kind des 20. Jahrhunderts, und es stellt sich heutzutage ernsthaft die Frage nach seiner Zukunft. Die globale Ordnung ist dabei, sich fundamental zu verändern. Das globale Zentrum hat sich vom Nordatlantik in den Pazifik und nach Ostasien verschoben. China befindet sich an der politischen, wirtschaftlichen und technologischen Schwelle zur Weltmacht und zum einzigen Herausforderer der existenten globalen Vormacht USA.

Die USA sind Ihrer globalen Führungsrolle müde geworden und haben unter Präsident Obama ihren Rückzug davon eingeleitet. Unter Präsident Trump wurde dieser Prozess in chaotischer und gefährlicher Weise beschleunigt. Dadurch aber wird der transatlantische Westen in seiner Existenz gefährdet, und die globale Ordnung ist dabei, ihre bisherigen werte- und machtpolitischen Grundlagen zu verlieren, ohne dass sich vernünftige Alternativen abzeichnen würden.

Russland sucht seine Zukunft in der Vergangenheit des 20. Jahrhunderts, indem es, wie damals die Sowjetunion, allein auf Nuklearwaffen setzt. Dabei wird im 21. Jahrhundert Macht nicht mehr überwiegend durch Nuklearwaffen definiert werden, sondern durch ein breites Spektrum technologischer Revolutionen in der Folge der Digitalisierung.

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Wer bei den beiden zentralen Faktoren, der Digitalisierung der menschlichen Intelligenz (künstliche Intelligenz) und der Kontrolle der dafür notwendigen gewaltigen Mengen an Daten (Big Data), nicht ganz vorne mit dabei ist, wird absteigen, abhängig werden und fremder Kontrolle unterliegen.

Souveränität im 21. Jahrhundert wird nicht mehr vor allem durch militärische Nuklearmacht definiert werden, sondern durch technologische und Datensouveränität. Diese wird nicht nur über die globale Machtverteilung, sondern auch über die globale Reichtumsverteilung in diesem Jahrhundert entscheiden, und in offenen Gesellschaften auch über die Zukunft der Demokratie.

Wie steht es nun um Europa in diesem neuen Jahrhundert? Der alte Kontinent ist in einer alles andere als optimalen Form in das neue Jahrhundert eingetreten. In der wohligen Illusion vom ewigen Frieden und dem Ende der Geschichte lebend, hat der alte Kontinent zwar die Erweiterung der EU bewerkstelligt, gleichwohl aber die Vollendung der Integration des Kontinents verdaddelt. Auch der Entzug der amerikanischen Sicherheitsgarantie traf Europa wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und die Folgen der digitalen Revolution ebenso. Europa steht gegenwärtig extrem schwach da.

Die erste Phase der Digitalisierung – plattformbasierte Unternehmen für Konsumenten – hat, ganz im Gegensatz zu China, faktisch keine wettbewerbsfähigen europäischen Unternehmen hervorgebracht. Ebenso wenig cloudbasierte Unternehmen, die mit den Giganten aus Silicon Valley oder China mithalten könnten.

Die wichtigste Frage, welche die neue Kommission der EU gemeinsam mit den Mitgliedstaaten angehen muss, ist die digitale Revolution mittels der Cloud und dadurch die Verteidigung von Europas Datensouveränität. Die für Europas Wettbewerbsfähigkeit und damit auch seinen zukünftigen Reichtum oder, alternativ dazu, wirtschaftlichen Abstieg entscheidenden Technologien werden durch die digitale Revolution fundamental verändert werden, und die Frage, wer über Europas dafür notwendigen Daten verfügen wird und zu welchen Bedingungen und unter wessen Kontrolle, ist die entscheidende Zukunftsfrage für die Demokratie und den zukünftigen Wohlstand des alten Kontinents, die erstens nur noch europäisch und nicht mehr national beantwortet werden kann und zweitens nur jetzt und nicht irgendwann. Denn der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt.

Automobilbereich, Maschinenbau, intelligente Fabriken, Humanmedizin, Verteidigung, smarte Netze, private Haushalte und viele weitere Sektoren werden der digitalen Disruption unterliegen, und dabei wird die Kontrolle der Daten über die Macht- und Wohlstandsverteilung entscheiden. Diese Daten werden im Wesentlichen cloudbasiert verarbeitet werden. D. h., die Kontrolle der Cloud wird an erster Stelle über die Wohlstands- und Machtverteilung in diesem Jahrhundert entscheiden. Europa wird also als wichtigste Aufgabe seine Datensouveränität sichern müssen. Das wird sehr große materielle Ressourcen und eine entschlossene Aufholjagd gegenüber den USA und China erfordern, denn im Augenblick droht Europa, weil viel zu langsam und unentschlossen, abgehängt zu werden.

Man sollte sich auch keine Illusionen machen: Die Privatwirtschaft wird eine solche Aufholjagd allein nicht schaffen. Es geht hier um eine strategische Grundsatzentscheidung, die nur Wirtschaft, Forschung und Politik gemeinsam angehen können, und zwar europäisch. Brüssel wird steuern, regulieren und, gemeinsam mit den Mitgliedstaaten, auch finanzieren müssen.

Angesichts des 50. Jahrestages des ersten bemannten Fluges zum Mond wird in der Öffentlichkeit viel über den ersten bemannten Flug zum Mars fabuliert. Für Europa hat die Herstellung und Sicherung seiner Datensouveränität aber unbedingte Priorität, wenn sein Abstieg in diesem Jahrhundert nicht endgültig sein und seine Demokratie bewahrt werden soll. Willkommen im 21. Jahrhundert!

https://prosyn.org/f0zGHA6/de;
  1. campanella17_Ryan AshcroftSOPA ImagesLightRocket via Getty Images_englihs Ryan Ashcroft/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

    Back to Little England?

    Edoardo Campanella

    The United Kingdom's bid to withdraw from the European Union is typically characterized as a dramatic manifestation of British nationalism. In fact, it has almost nothing to do with Britain, and everything to do with English national identity, which has been wandering in the wilderness ever since the fall of Pax Britannica.

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