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Die Türkei und der Westen

Das Nein der Türkei (gemeinsam mit Brasilien) zu den neuen Iransanktionen im UN Sicherheitsrat dokumentiert auf dramatische Art das ganze Ausmaß der mittlerweile eingetretenen Entfremdung zwischen dem Westen und der Türkei. Erleben wir also jetzt die Konsequenzen der neuen, „neo-osmanischen“ Außenpolitik der AKP Regierung in Ankara, die einen Lagerwechsel der Türkei zum Ziel hat, eine Rückkehr zu ihren orientalisch islamischen Wurzeln also?

Ich halte diese Befürchtung für überzogen, ja falsch. Und sollte es so kommen, so wäre eine solche Entwicklung eher einer „Selffullfilling Prophecy“ des Westens zuzurechnen, als der türkischen Politik. Denn die so genannte neo- osmanische Außenpolitik Ankaras, welche die Beendigung vorhandener Konflikte mit und in ihren Nachbarstaaten und ein aktives Engagement der Türkei dort zum Ziel hat, steht mitnichten in einem Interessengegensatz zum Westen. Das genaue Gegenteil ist vielmehr der Fall. Allerdings wird der Westen (und ganz besonders Europa) die Türkei endlich als Partner – und nicht mehr als westlichen Klientelstaat! – Ernst nehmen müssen.

Die Türkei ist zu Recht Mitglied der G 20, denn sie wird mit ihrer jungen, schnell wachsenden Bevölkerung im 21. Jahrhundert ein wirtschaftlich sehr starkes Land werden, das schon heute nicht mehr dem Bild vom „kranken Mann am Bosporus“ entspricht.

Als nach der Entscheidung in der UN der amerikanische Verteidigungsminister Gates die Europäer harsch kritisierte, dass sie durch ihr Verhalten gegenüber der Türkei zu dieser Entfremdung nicht unwesentlich beigetragen hätten, war die Aufregung in Paris und Berlin ob solcher undiplomatischen Offenheit recht groß. Leider völlig zu Unrecht, denn Gates hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.