Während Russland schlief

In Russland signalisieren Wahlen üblicherweise irgendwie eine politische Krise: So schien Boris Jelzins Wiederwahl als Präsident im Jahr 1996 beispielsweise ein Wiederaufleben des Kommunismus abzuwehren - nicht durch eine Revolution, sondern über den Gang zur Wahlurne. Wahlen zur Staatsduma (dem Unterhaus des russischen Parlaments) sind normalerweise eine stillere Angelegenheit und der nun zu Ende gegangene Wahlkampf und die Duma-Wahlen ( HINWEIS FÜR REDAKTEURE: Die Wahl findet am 7. Dezember statt) waren zweifellos von Stille geprägt - von Totenstille.

Präsident Wladimir Putin ist heute in Russland tatsächlich so allmächtig, dass die Duma-Wahlen beinahe spurlos vorübergegangen wären - an der Welt und an Russland gleichermaßen - wäre da nicht in diesem Herbst die Verhaftung von Michail Chodorkowski gewesen, jenes Oligarchen aus der Ölindustrie, der es gewagt hatte, mit seinem Geld zwei liberale, in Opposition zu Putin stehende Parteien zu unterstützen. Die Verhaftung Chodorkowskis hat die Menschen in Russland nicht aufgerüttelt. Sie betrachten Wahlen zunehmend als Nebensache in ihrem schwierigen Leben. Sehr wohl erschütterte Chodorkowskis Verhaftung aber das internationale Vertrauen in Putin und veranlasste andere Oligarchen und demokratische Reformer sich ernsthafte Sorgen um ihre Freiheiten zu machen.

Je größer die Macht, desto gefährlicher ihr Missbrauch, sagte Edmund Burke im Jahr 1771. Putin übt mehr Macht aus, als jedem anderen demokratisch gewählten Staatschef zugestanden wird. Und die Art, wie er sie ausübt, gibt nun Anlass zu ernsthafter Besorgnis. Lord Actons Satz über den korrumpierenden Effekt der Macht trifft noch nicht zu, Burkes Warnung aber sehr wohl.

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