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Was hält Frauen auf?

PRINCETON – Als ich in der Juli-/August-Ausgabe des Atlantic einen Leitartikel mit dem Titel „Why Women Still Can’t Have It All“ (Warum Frauen immer noch nicht alles haben können) schrieb, erwartete ich eine feindselige Reaktion von vielen amerikanischen Karrierefrauen aus meiner und älteren Generationen und positive Reaktionen von Frauen, die etwa 25 bis 35 Jahre alt sind. Ich rechnete damit, dass viele Männer dieser jüngeren Generation ebenfalls heftig reagieren würden, zumal viele von ihnen versuchen einen Weg zu finden, wie sie bei ihren Kindern sein, die Karriere ihrer Frau unterstützen und ihre eigenen Pläne verfolgen können.

Ich rechnete ebenfalls damit, von den Vertretern der Unternehmenswelt zu hören, ob meine vorgeschlagenen Lösungen – größere Flexibilität am Arbeitsplatz, ein Ende der Präsenzkultur und des „Macho-Stundenwahns“ sowie die Möglichkeit für Eltern, die in Elternzeit waren oder Teilzeit gearbeitet haben, sich gleichberechtigt auf Spitzenpositionen zu bewerben, sobald sie ihre Arbeit wieder aufnehmen – machbar oder utopisch waren.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Was ich nicht erwartet hatte, war die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Reaktionen – fast eine Million Leser innerhalb einer Woche und viel zu viele schriftliche Antworten sowie Fernseh-, Radio- und Blog-Diskussionen, denen ich folgen sollte – und die globalen Dimensionen des Ganzen. Ich habe Interviews mit Journalisten in Großbritannien, Deutschland, Norwegen, Indien, Australien, Japan, den Niederlanden und Brasilien gegeben; zudem wurden Artikel über den Aufsatz in Frankreich, Irland, Italien, Bolivien, Jamaika, Vietnam, Israel, dem Libanon, Kanada und vielen anderen Ländern veröffentlicht.

Die Reaktionen sind natürlich je nach Land unterschiedlich. In vielerlei Hinsicht ist der Artikel ein Lackmustest dafür, wo die einzelnen Länder in ihrer individuellen Entwicklung zu einer vollen Gleichberechtigung von Mann und Frau stehen. Indien und Großbritannien z. B. hatten mit Indira Gandhi und Margaret Thatcher starke Frauen als Premierministerinnen, haben jetzt jedoch mit dem „Frau-als-Mann“-Archetyp des weiblichen Erfolgs zu kämpfen.

Die skandinavischen Länder wissen, dass Frauen auf der ganzen Welt sie als Pioniere einer Sozial- und Wirtschaftspolitik ansehen, die es Frauen ermöglicht, sowohl Mütter als auch erfolgreich im Beruf zu sein, und Männer dazu ermutigt und von ihnen erwartet, eine gleichberechtigte Rolle als Väter einzunehmen. Doch gibt es dort nicht so viele Managerinnen im privaten Sektor wie in den Vereinigten Staaten, ganz zu schweigen von Frauen in Spitzenpositionen.

Die Deutschen sind hin- und hergerissen. Ein großes deutsches Magazin entschied sich, meinen Beitrag zur Diskussion als „Karrierefrau gibt zu, dass es besser ist, zu Hause zu bleiben“ auszulegen. Ein weiteres hob (was richtiger ist) hervor, dass es mir darum ging, zu betonen, dass ein tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Wandel notwendig ist, damit Frauen gleiche Chancen haben.

Die Franzosen bleiben geflissentlich reserviert, sogar ein wenig verächtlich, wie es sich für eine Nation gehört, die den „Feminismus“ als antifeminine amerikanische Erfindung ablehnt und es schafft, eine führende Persönlichkeit hervorzubringen, die gleichzeitig so kultiviert und elegant ist wie Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds. Das Beispiel ihres Vorgängers, Dominique Strauss-Kahn, sowie andere Geschichten über das Benehmen französischer Männer, die in den spießigen USA eindeutig als sexuelle Belästigung gewertet würden, legen natürlich nahe, dass vielleicht ein wenig mehr feminisme à la française angebracht ist.

Jenseits von Europa beklagen sich japanische Frauen, wie weit sie in einer erbarmungslos männlichen und sexistischen Kultur immer noch gehen müssen. Die Chinesen haben es derzeit mit einer Generation von gebildeten, eigenständigen jungen Frauen zu tun, die sich nicht sicher sind, ob sie überhaupt heiraten wollen, da ein Mann (und eine Schwiegermutter) ihre Freiheit einschränken würde.

Brasilianische Frauen verweisen mit Stolz auf ihre Präsidentin Dilma Rousseff, unterstreichen jedoch auch, wie viel Diskriminierung es immer noch gibt. In Australien mit seiner heftigen Debatte über Arbeits- und Privatleben weisen Frauen auf den Erfolg von Julia Gillard hin, der ersten Premierministerin, merken jedoch an, dass sie keine Kinder hat (ebenso wenig wie Angela Merkel, die erste Frau an der Spitze ihres Landes).

Die Globalität dieser Debatte verdeutlicht mindestens drei wichtige Punkte. Erstens, wenn „weiche Macht“ bedeutet, dass man Einfluss ausübt, weil „andere das wollen, was man selbst will“, wie Joseph Nye es ausdrückt, dann wollen Frauen auf der ganzen Welt das, wofür die amerikanischen Feministinnen seit drei Generationen kämpfen.

Zweitens können die Amerikaner, was nicht überrascht, viel von den Diskussionen, Gesetzen und kulturellen Normen in anderen Ländern lernen. Schließlich haben Frauen die politische Leiter in vielen anderen Ländern schneller erklommen als in den USA. So hatten die USA noch nie eine Präsidentin, eine Mehrheitsführerin des Senats, eine Finanzministerin oder eine Verteidigungsministerin.

Und schließlich sind dies keine „Frauenfragen“, sondern soziale und wirtschaftliche Fragen. Gesellschaften, die entdecken, wie sie die Bildung und das Talent der Hälfte ihrer Bevölkerung nutzen können, während sie es Frauen und ihren Partnern ermöglichen, Zeit mit ihren Familien zu verbringen, werden in der globalen Wissens- und Innovationswirtschaft die Nase vorn haben.

Selbstverständlich gibt es viele Hundertmillionen Frauen auf der Welt, die von den Problemen, über die ich geschrieben habe, nur träumen könnten. In der letzten Woche meldeten die Nachrichten einen weiteren Mord an einer Frauenrechtsaktivistin in Pakistan; Hinweise darauf, dass das ägyptische Militär möglicherweise bewusst sexuelle Übergriffe einsetzt, um Frauen vom Demonstrieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo abzuhalten; einen grauenvollen Bericht des New Yorker Women’s Media Center über den Einsatz von sexueller Gewalt und Gruppenvergewaltigungen seitens der syrischen Regierungstruppen; und ein Video mit einem Taliban-Kommandeur, der eine Frau wegen Ehebruchs brutal hinrichtet, während seine Soldaten und die Dorfbewohner jubeln.

Dies sind lediglich die extremsten Fälle von körperlicher Gewalt, denen viele Frauen ausgesetzt sind. Weltweit sind über eine Milliarde Frauen mit der zersetzenden und offenen Geschlechterdiskriminierung in Bildung, Ernährung, Gesundheitsfürsorge und bei den Löhnen konfrontiert.

Frauenrechte sind eine globale Frage von höchster Wichtigkeit, und man muss sich auf die schlimmsten Verstöße konzentrieren. Dennoch sollte man über einen kürzlich erschienenen sachlichen Bericht aus einem nüchternen und angesehenen US-Magazin nachdenken. In einem Artikel über „Frauen in Washington“ bemerkte das National Journal, dass es die Frauen in der US-Hauptstadt weit gebracht hätten, es jedoch „immer noch mit Karrierehindernissen zu tun haben, von denen das größte darin besteht, eine Familie zu haben.“

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Wenn „eine Familie zu haben“ immer noch ein Karrierehindernis für Frauen ist, aber nicht für Männer, dann ist auch das eine Frage der Frauenrechte (und somit der Menschenrechte). Von der globalen Diskussion über Arbeit, Familie und die Hoffnung auf eine Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Gesellschaft ausgenommen.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann.