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Was McCain und Obama ignorieren

PRINCETON: Barack Obama hat drei Jahre als Sozialarbeiter in Chicagos heruntergekommener South Side gearbeitet; er weiß also eine Menge über die in Amerika existierende echte Armut. Er weiß, dass in einem der reichsten Länder der Welt 37 Millionen Menschen in Armut leben, ein erheblich größerer Anteil als in den reichen Ländern Europas. Trotzdem konzentriert sich Obamas Wahlkampf auf die „Main Street“ und auf Steuersenkungen für die Mittelschicht und umgeht die Frage, was man gegen die Armut tun sollte. 

Dabei ist es nicht so, als ob Obama keine politischen Strategien hätte, um den Armen zu helfen. Rufen Sie seine Website auf, klicken Sie auf „The Issues“ und dann auf „Poverty“. Sie werden eine Reihe wohldurchdachter Vorschläge finden, von der Erhöhung des Mindestlohns bis zur Gründung modellhafter „Promise Neighborhoods“, um zu versuchen, Gebiete mit hoher Armut und niedrigem Bildungsniveau durch Angebote wie frühkindliche Erziehung und Verbrechensprävention zu retten. (Rufen Sie John McCains Website auf, und Sie werden „Armut“ auf der Liste der anzuklickenden Themen nicht einmal finden – wohl aber das Raumfahrtprogramm.)

Warum also macht sich Obama nicht für ein Thema stark, bei dem er über so viel mehr eigene Erfahrung verfügt als sein Gegner und auch eine bessere Politik verfolgt? Vielleicht gehen zu wenige von den Armen zur Wahl, oder sie wählen sowieso die Demokraten. Darüber hinaus haben ihm seine Meinungsforscher vermutlich erklärt, dass er unabhängige Wähler aus der Mittelschicht mit viel höherer Wahrscheinlichkeit für sich einnehmen wird, wenn er an ihre Brieftaschen und nicht an ihre Sorge um die Armen des Landes appelliert.

Wenn schon Amerikas Arme bei den Wählern nicht sonderlich weit oben stehen, überrascht es kaum, dass die Armen im Ausland im Wahlkampf praktisch unsichtbar sind. Auch hier verfügt Obama sowohl über den Hintergrund – durch seine familiären Beziehungen nach Kenia – als auch über einen viel versprechenden Ansatz: die Erhöhung der US-Auslandshilfe auf 50 Milliarden Dollar bis 2012, wobei das Geld zur Stabilisierung scheiternder Staaten und zur Herbeiführung eines nachhaltigen Wachstums in Afrika verwendet werden soll. (Gegenwärtig gibt von allen OECD-Geberländern nur Griechenland einen geringeren Anteil seines Bruttovolkseinkommens für Auslandshilfe aus als die USA.)