The video screen shows the Kinzhal shipborne surface-to-air missile system as Putin delivers an annual address to the Federal Assembly  Mikhail Metzel\TASS via Getty Images

Der einseitige Kalte Krieg des Westens

MOSKAU – Die steigenden Spannungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Russland sind ein weiterer Beweis dafür, dass sich Russland und der Westen in einem „zweiten Kalten Krieg” befinden, so drückte es kein Geringerer als Richard N. Haass, Präsident des Rates für Auswärtige Beziehungen, aus. Ich bin nicht dieser Meinung.

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Ja, die Beziehungen Russlands mit den USA und nun auch mit dem Vereinigten Königreich sind schlechter als in den 1950ern, und die Chancen eines direkten Konflikts sind höher als jemals zuvor seit der Kuba-Krise 1962. Angesichts der Komplexität der heutigen strategischen Atomwaffen und der Systeme, die sie neutralisieren, kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Akteur auf der einen oder anderen Seite oder ein Dritter eine Eskalation hervorrufen kann.

Dazu kommt, dass die Kommunikation zwischen den Präsidenten den USA und Russlands praktisch nicht existiert, weil beide Seiten der jeweils anderen misstrauen. Unter Amerikanern sind die Gefühle Russland gegenüber nah am Hass, und viele Russen betrachten Amerikaner heute mit kaum verhohlener Verachtung.

Der psychologische Kontext dieser bilateralen Beziehung ist wahrhaft schlechter als während des Kalten Krieges. Aber das bedeutet nicht, dass die Spannungen von heute eine Fortsetzung davon sind. Eine Konfrontation dieser Art würde eine ideologische Komponente verlangen, die auf der russischen Seite eindeutig fehlt.

Russland hat kein Interesse an einem weiteren Kalten Krieg. Obwohl ein gewisses Maß an Konfrontation mit den USA Präsident Wladimir Putin hilft, die Öffentlichkeit zu vereinen, während er die nationalistischen Tendenzen der russischen Eliten aufpoliert, ist Russland kein ideologisch motivierter Staat. Die Ideologie, die vorhanden ist, basiert auf der russischen Kultur und Zivilisation, und es besteht kein Interesse daran, diese zu exportieren.

Der Kreml zieht es eher vor, nicht im Namen Russlands zu missionieren. Russlands Ansatz bei internationalen Angelegenheiten konzentriert sich seit langem auf dem Respekt für nationale Interessen und Souveränität und auf dem Glauben, dass alle Völker und Nationen die Freiheit haben sollten, ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entscheidungen zu treffen. Russland steht auch zu den allgemeinen Menschenrechten wie Glaube an Gott, Familie und Land sowohl zur Selbsterfüllung durch den Dienst an der Gesellschaft und an der Nation.

Ich träume davon, dass auch nur zwei Prozent der Vorwürfe, die Russen hätten sich in die US-Wahl von 2016 eingemischt, wahr wären. Es würde mein Selbstbewusstsein als Russe stärken und die Amerikaner, deren Regierung sich seit langem in die internen Angelegenheiten anderer Länder einmischt, davor warnen, im Glashaus mit Steinen zu werfen.

Aber das Problem zwischen Russland und dem Westen ist eigentlich ein Problem des Westens selber. Die USA verwenden das Schreckgespenst Russland, um ihre verlorene politische Kontrolle zurückzugewinnen, besonders im Bereich der sozialen Medien, wo eine unzufriedene Bevölkerung und einzelne Politiker endlich eine Stimme gefunden haben.

Aber selbst, wenn die Amerikaner die Kontrolle zurückgewinnen würden, bleibt der tiefere Ursprung der westlichen Angst doch bestehen. Seit mindestens einem Jahrzehnt ist die Welt Zeuge des Endes der 500-jährigen Hegemonie des Westens. Sie begann im sechszehnten Jahrhundert, als Europa bessere Waffen und Kriegsschiffe entwickelte und seine imperiale Expansion begann. In den folgenden Jahrhunderten nutzten die Europäer ihre wirtschaftliche, kulturelle, politische und besonders ihre militärische Überlegenheit, um den Reichtum der Welt abzuschöpfen.

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die vorherrschende Stellung des Westens durch die Sowjetunion und China herausgefordert. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die USA als einziger Hegemon zurück, und die Welt schien zu ihrem historischen Status Quo zurückzukehren. Bald darauf übernahmen sich die USA jedoch, indem sie sich auf geopolitische Abenteuer wie der Invasion des Irak einließen. Und dann kam die Finanzkrise von 2008, die die Schwächen des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts offenlegte.

Gleichzeitig haben die USA schon lange die militärische Überlegenheit gesucht. 2002 kündigten sie einseitig den ABM-Vertrag von 1972. Und vor kurzem haben sie damit begonnen, konventionelle Streitkräfte massiv auszubauen und eine Modernisierung ihres Nukleararsenals in großem Umfang vorzunehmen.

Russland, China und der Rest der Welt werden es den USA allerdings nicht gestatten, zu ihrer alten Vormachtstellung zurückzukehren. Putin hat dies vor kurzem klar gemacht, als er eine Reihe von neuen, hochmodernen strategischen Waffensystemen vorstellte, die Teil einer Strategie sind, die ich „präventive Abschreckung” nennen würde. Die Botschaft war, dass die USA nicht darauf hoffen können, wieder eine militärische Vormachtstellung zu erreichen, selbst wenn sie beschließen, sich selbst im Wettrüsten auszubluten, wie es die Sowjet Union tat.

Nach vorläufigen Beurteilungen, die ich mit meinen Kollegen vor kurzem durchführte, kann behauptet werden, dass, selbst wenn die USA sich für einen einseitigen Kalten Krieg entscheiden, ihre Chancen gegen Russland, China und andere aufkommenden Mächte nicht sehr gut stehen. Das Gleichgewicht der militärischen, politischen, wirtschaftlichen und moralischen Macht ist einfach zu weit vom Westen abgerückt, um jetzt noch umgekehrt zu werden.

Trotzdem wäre ein neuer Kalter Krieg, selbst einseitig, extrem gefährlich für die Menschheit. Die größten Mächte der Welt sollten sich darauf konzentrieren, die internationale strategische Stabilität durch den Dialog zu stärken, darauf, die Kommunikationskanäle zwischen den Streitkräften wiedereinzurichten und die Höflichkeit wieder in ihre Interaktionen zu bringen. Wir sollten auch darüber nachdenken, den Austausch in Diplomatie, Legislative, Wissenschaften und Bildung wieder zu fördern. Vor allem aber müssen wir aufhören, uns gegenseitig zu dämonisieren.

Die Welt tritt in eine gefährliche Zeit ein. Aber wenn wir weise sind, können wir ein ausgeglicheneres internationales System aufbauen, eines, in welchem die Großmächte einander abschrecken und gleichzeitig miteinander kooperieren, um globale Probleme zu lösen. Kleinere Länder werden dadurch freier, sich nach ihren eigenen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Präferenzen zu entwickeln.

Das alte System, geführt vom Westen, ist zusammengebrochen. Um eine friedliche Zukunft sicherzustellen, müssen wir zusammenarbeiten, um ein neues System aufzubauen.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/42lqyJ1/de;

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