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Wir, das europäische Volk

FLORENZ – Viele Europäer, die den Einigungsprozess des Kontinents gern wiederbeleben möchten, beschäftigen sich dazu in jüngster Zeit mit der Gründung der Vereinigten Staaten. Viele allerdings lehnen das US-Vorbild aber mit der Begründung ab, die heutigen Probleme würden zu wenig Ähnlichkeiten zu denen der damaligen Zeit aufweisen. Andere, die anerkennen, dass die föderalistischen Prinzipien für die Probleme eines gemeinsamen europäischen Marktes durchaus Lösungen bieten könnten, beklagen sich, dass es das „europäische Volk“, das diese neue politische Struktur bilden könnte, nicht gibt.

Aber zwischen den amerikanischen Gründerjahren und der anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Krise der Europäischen Union gibt es bemerkenswerte Parallelen. In der Tat geben die Gestaltung der US-Verfassung und die Geburt des amerikanischen Volkes Grund zur Hoffnung, dass einige der schwierigsten Probleme Europas eines Tages gelöst werden könnten.

Die Jahre nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg waren schwierig. Auf Grundlage der Artikel der Konföderation hatten die 13 ehemaligen britischen Kolonien einen gemeinsamen Markt mit gemeinsamen Institutionen gegründet, einschließlich einer Zentralbank. Trotzdem verbrachten sie viel Zeit damit, sich über Haushaltspolitik und die Währung zu streiten, und auch zwischen Gläubigern und Schuldnern gab es Unstimmigkeiten. Zwischen den nördlichen und den südlichen Staaten entstanden Spaltungen, ebenso wie zwischen den kleineren und den größeren. Es schien, als sei der junge Staat kurz vor dem Zerreißen.

In den 1780ern wurden diese Probleme durch eine kleine Gruppe amerikanischer Politiker vollständig umgestaltet. Ihre Schlüsseleinsicht ist für das heutige Europa ebenso relevant wie damals für die USA: Die Probleme des Landes wurden nicht von böswilligen Politikern oder schlecht informierten, unwissenden Bürgern verursacht, sondern waren eine direkte Folge einer unpassenden politischen Struktur.