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Essen mit Moral

CAMBRIDGE – Der Grundsatz „du bist, was du isst“ hat das Denken über Lebensmittel jahrhundertelang bestimmt. Die vorherrschende Interpretation ist einfach: unsere Körper, wie auch die Nahrungsmittel, die wir aufnehmen, bestehen aus chemischen Verbindungen. Für ein langes und gesundes Leben, und um unser Potenzial zu maximieren, müssen wir die richtigen Chemikalien zu uns nehmen – das heißt aufs Essen bezogen, die richtigen Nährstoffe. Es ist allerdings noch nicht so lange her, da wurde dieses Motto ganz anders interpretiert. Was auf einen tief greifenden Wandel in der Art und Weise hindeutet, wie wir über unsere Ernährung und über uns selbst denken – ein Wandel, der wichtige Konsequenzen für die aktuellen Gesundheitsdebatten hat.

In der Medizin der alten Griechen und Römer ging es hauptsächlich um Prävention. Regimen, also die Ernährungslehre, schrieb einen Lebensstil vor, der geeignet war, die Gesundheit der Menschen zu erhalten. Die Ärzte taten zwar alles, was in ihrer Macht stand, um kranke Patienten zu heilen, aber die Ernährungslehre galt als der wichtigste Bereich der medizinischen Praxis. Schließlich muss nicht geheilt werden, wer sich vernünftig ernährt.

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Die Ernährungslehre war ein Rezept für eine geordnete Lebensweise, das die Menschen nicht nur in Angelegenheiten des Essens und Trinkens beriet, sondern auch in Bezug auf alle beherrschbaren Aspekte des Lebens, die das Wohlbefinden betrafen - wie der Ort, an dem sie wohnten, Sport, Schlafmuster, Darmbewegungen, sexuelle Aktivitäten und ein Bereich, der von der Medizin heute komplett vernachlässigt wird: die Kontrolle der Emotionen.

Kurz gesagt, die Ernährungslehre war genauso eine Angelegenheit der Tugend wie der körperlichen Gesundheit. Die Ärzteschaft gab in einem Atemzug Empfehlungen, wie gegessen werden sollte, und Anweisungen, wie man leben sollte – und darüber, was für eine Art Person man sein sollte.

Heute scheinen diese althergebrachten Ernährungstipps eher banal in ihrer fast ausschließlichen Konzentration auf Ausgewogenheit. Ein Ernährungsratschlag könnte zum Beispiel sein, die Patienten sollen weder zu viel noch zu wenig essen, schlafen, wenn es notwendig ist, aber nicht zu viel, Sport treiben, aber nicht übermäßig und Wut und Stress im Zaume halten. Eine Inschrift im Apollon-Tempel in Delphi lautet: „Nichts im Übermaß“, während die Philosophie von Aristoteles im goldenen Mittelmaß den Weg zum Guten sieht.

Angesichts der Modediäten unserer Zeit und der ewigen Suche nach einfachen Lösungen für komplexe Vorgänge mag die Mäßigung in allen Dingen als allzu unspektakulär daherkommen. Aber die ernährungstechnische Überzeugung, dass Gesundheit und Moral zwei Seiten derselben Medaille sind, ist eine tief verwurzelte Auffassung. Schließlich gilt die Völlerei im Christentum als eine der sieben Todsünden, während Mäßigung eine der Kardinaltugenden ist.

Sowohl gut als auch gut für dich: so wurde aus der Mäßigung eine vorherrschende Idee. Durch die Verwurzelung des medizinischen Rates in einflussreichen Systemen sozialer Werte hat die Ernährungslehre das medizinische Gedankengut jahrhundertelang beeinflusst. Einen Ernährungsratschlag abzuweisen war gleichbedeutend mit der Abweisung moralischer Weisheit.

Diese Verbindung von Medizin und Moral erscheint heute dank der „Ernährungswissenschaft“, die die traditionelle Ernährungslehre im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert ablöste, auf naive Weise unwissenschaftlich. Ernährungsexperten werden heute wahrscheinlich eher raten, den Cholesterinspiegel zu überwachen, als einen solch ganzheitlichen und dem gesunden Menschenverstand geschuldeten Ratschlag wie „mäßige dich“ zu geben. Unersättlichkeit war einmal eine Sünde, Fettleibigkeit ist jetzt eine Krankheit (oder ein „Risikofaktor“ für andere Krankheiten).

Da die Wissenschaft scheinbar voranschreitet, indem sie moralische Fragen außer Acht lässt, wenn sie materielle Beziehungen von Ursache und Wirkung untersucht, könnte diese Entwicklung als Fortschritt gedeutet werden. Aber die Trennung des „Guten“ vom „gut für dich“ beschränkt den Einfluss des modernen Wissens über Ernährung auf das Verhalten der Menschen und untergräbt so letztlich das Ziel, die öffentliche Gesundheit zu verbessern.

Historischer Wandel kann nicht ungeschehen gemacht werden. Aber die Art und Weise, wie moderne Gesellschaften mit dem Übermaß umgehen, sei es bei der Ernährung der Menschen oder in ihrem Lebensstil, ist eine Reflexion wert. Eine plausible Erklärung für die ansteigende Fettleibigkeit ist zum Beispiel der Rückgang der Mahlzeiten im Kreis der Familie – bei welchen Kinder ermahnt wurden, „noch mehr zu essen“, aber auch, dass sie „nun mehr als genug gegessen“ hätten. In der heutigen Kultur des „außer Haus“-Verzehrs essen die Menschen immer mehr ohne die Angst vor dem missbilligenden Blick. Der Einzelne isst allein, Gesellschaften werden zusammen fett.

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Es gibt zwar keine einfache Lösung für die ernährungstechnischen Fragen der heutigen Zeit, aber wir können eine kollektive Entscheidung treffen, nicht nur über das nachzudenken, was wir essen, sondern auch über unsere Einstellung zum Essen. Wir können den inhärenten Wert der gemeinsamen Mahlzeit erkennen. Wenn wir zusammen essen, ist dies vielleicht gut für uns und zudem noch eine gute Sache.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust