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Impfungen für eine alternde Bevölkerung

SEATTLE – Die Weltbevölkerung wächst und wird auch immer älter. Da die Alten ihre jüngeren Pendants zahlenmäßig bald überholt haben werden –  im Jahr 2050 wird es beinahe drei Mal so viele Personen im Alter von 65 und darüber geben als Kinder unter 4 – befürchtet man vielerorts, dass die Belastung für Staatshaushalte, Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften untragbar werden wird. Doch wir können etwas unternehmen, um diese Last zu verringern: nämlich die Gesundheit der älteren Menschen verbessern.

Mit zunehmenden Alter unterliegt unser Körper komplexen Veränderungen, die unsere Fähigkeit, auf Infektionen zu reagieren und Immunität zu entwickeln, fortschreitend schwächen (dieser Vorgang wird als Immunoseneszenz bezeichnet). Aus diesem Grund verlaufen Krankheiten bei älteren Erwachsenen tendenziell schwerer als bei jüngeren Patienten, wobei sich auch stärkere Auswirkungen auf Lebensqualität, Behinderungen und Mortalität ergeben.

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Einfach ausgedrückt: das Immunsystem älterer Menschen braucht Unterstützung. Und an dieser Stelle kommen Impfungen ins Spiel.

Impfungen werden am häufigsten im Zusammenhang mit Kleinkindern diskutiert, die eine Reihe von Immunisierungen gegen Kinderkrankheiten wie Masern oder Polio bekommen sollten. Impfungen im Kindesalter sind eine der größten medizinischen Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Dies nicht zuletzt aufgrund der so genannten Herdenimmunität (des indirekten Schutzes ganzer Gemeinschaften durch die Immunisierung der meisten ihrer Mitglieder – wobei auch jene davon profitieren, die aus Gründen wie Krankheiten oder Alter nicht geimpft werden können).

Es steht jedoch nirgends geschrieben, dass nicht auch Erwachsene von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren können. Tatsächlich würden sich dadurch für sie weitreichende Vorteile ergeben – einschließlich des Schutzes ihrer Familien und Nachbarn. Dennoch machen die wenigsten davon Gebrauch.

Erwachsene sollten erkennen, dass einige der häufigsten Infektionen, von denen sie bedroht sind, durch Impfungen vermieden werden können. Man denke an die Gürtelrose, eine Infektion, die jeden Menschen betreffen kann, der irgendwann im Leben Windpocken hatte (also 95 Prozent der Erwachsenen weltweit). In den Vereinigten Staaten wird etwa ein Drittel der Bevölkerung zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben an Gürtelrose erkranken.

Bei Menschen um die Dreißig mag Gürtelrose gutartig und relativ harmlos verlaufen. Allerdings tritt die Krankheit bei Menschen um die 50 und darüber viel häufiger auf – und kann bei ihnen extrem schmerzhaft sein. Ältere Menschen mit Gürtelrose leiden möglicherweise unter chronischen Beschwerden und gravierenden Komplikationen, die den Schlaf beeinträchtigen und Schwierigkeiten bereiten, das Haus zu verlassen oder täglichen Aktivitäten nachzukommen. Mit einer Impfung -  die amerikanische Behörde für Krankheitskontrolle und Prävention empfiehlt eine Impfung im Alter von 60 Jahren – kann diese schmerzhafte und in manchen Fällen belastende Erkrankung vermieden werden.

Die Grippe ist eine weitere durch Impfung vermeidbare Erkrankung. Während das Influenza-Virus bei Menschen jeden Alters zu einer Erkrankung führen kann, sind die Älteren – ab dem 65. Lebensjahr – in unverhältnismäßigem Ausmaß betroffen. Dies sowohl hinsichtlich der Todeszahlen als auch der Krankenhausaufenthalte, wobei die ältesten Menschen das größte Risiko tragen.

Das Problem besteht darin, dass ältere Menschen eher an einer oder mehrerer Grunderkrankungen wie Herzkrankheiten oder Diabetes leiden. Infolgedessen liegt bei ihnen auch eine höhere Wahrscheinlichkeit vor, schwere influenzabedingte Komplikationen zu entwickeln. In systematischen Untersuchungen älterer Populationen stellte man fest, dass die Grippeimpfung – die jährlich verabreicht werden muss, um gegen ständig neu auftretende Virenstämme wirksam zu sein – nicht nur vor der Ansteckung mit Grippe schützt, sondern auch kosteneffektiv ist.  

Doch die Liste ist noch länger. Bei der durch das aerobe gram-positive Bakterium Corynebacterium diphtheria verursachten Diphtherie handelt es sich um eine Toxin-vermittelte Erkrankung, die sich in einer Infektion des oberen Verdauungstraktes oder einer Hautinfektion manifestieren kann.  Die meisten Komplikationen der Diphtherie – wie etwa Myokarditis (Entzündung der mittleren Muskelschicht des Herzens) und Neuritis (Entzündung eines oder mehrerer peripherer Nerven) – sind auf die Wirkung dieses Toxins zurückzuführen. Die Gesamtmortalität liegt bei 5-10 Prozent, wobei die Todeszahlen bei Menschen unter fünf  und über 40 Jahren höher ausfallen.

Tetanus oder „Wundstarrkrampf“ ist eine bakterielle Infektion, die das Nervensystem betrifft und schmerzhafte Muskelkontraktionen im ganzen Körper verursacht.  Die Krankheit ist unter älteren Menschen zwar nicht mit einer hohen Zahl an Todesopfern verbunden, aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie vermieden werden kann, ist jeder Tote einer zu viel.

Dann ist da noch Pertussis oder Keuchhusten. Wir haben keine genauen Kenntnisse über das Ausmaß, in welchem die Krankheit ältere Menschen betrifft, weil sie in allen Altersgruppen unterdiagnostiziert ist und selten erfasst wird. Die amerikanische Impfbehörde Advisory Committee on Immunization Practices glaubt allerdings, dass die Krankheitslast derzeit 100 Mal höher liegt, als bekannt ist.  

Die TdaP-Impfung, die Erwachsene vor Diphtherie, Tetanus und Pertussis schützt, könnte diese Krankheitslast erheblich verringern. Eine andere Impfung mit der Bezeichnung Td schützt vor Tetanus und Diphtherie, nicht jedoch vor Pertussis. Eine Td-Auffrischungsimpfung sollte alle zehn Jahre verabreicht werden.

Schließlich haben wir es noch mit der Pneumokokken-Erkrankung zu tun, einer durch Streptococcus pneumoniae verursachten bakteriellen Infektion, die zu Lungenentzündung, Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Blutvergiftung (Sepsis) führen kann. Je nachdem, welche Komplikationen auftreten, zählen Husten, plötzlich auftretendes Fieber, Brustschmerzen, Schüttelfrost, Kurzatmigkeit, Nackensteife, Verwirrtheit und Lichtempfindlichkeit zu den Krankheitssymptomen.

Die Pneumokokken-Erkrankung kann zu Gehirnschäden, Taubheit, Gewebeschäden (die potenziell sogar die Amputation einer Gliedmaße erforderlich machen) und zum Tod führen. Allein in den Vereinigten Staaten sterben jedes Jahr zehntausende Menschen an von Pneumokokken verursachter Lungenentzündung, Blutvergiftung  und Meningitis, wovon 18.000 Todesopfer 65 Jahre oder älter sind. Zwei Arten von Pneumokokken-Impfungen für ältere Erwachsene - der 23-valente Polysaccharid-Impfstoff (PPV23) und der Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff (PCV13) – können die Situation entschärfen.

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Dank der Impfprogramme für Kinder sterben jedes Jahr weniger Kinder an Krankheiten, die sich durch Impfungen vermeiden lassen. Ähnlich konzentrierte Anstrengungen sind erforderlich, damit auch Erwachsene, insbesondere ältere Menschen, von diesen Vorteilen profitieren können. Impfungen als lebenslange Priorität zu betrachten, kann dabei helfen, dass Menschen so lange wie möglich aktiv und produktiv bleiben, wovon sie selbst, ihr Umfeld und die ganze Welt profitieren.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier