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Wissenschaft, heile dich selbst

NEW YORK – Die Wissenschaft ist der vielleicht größte Erfolg der Spezies Mensch. Dank der wissenschaftlichen Revolution, die im siebzehnten Jahrhundert begann, kommen Menschen heute in den Genuss von sofortiger Kommunikation, schnellem Transport, einer reichhaltigen und abwechslungsreichen Kost und effektiver Vorbeugung und Behandlung von früher tödlichen Krankheiten. Außerdem stellt die Wissenschaft die größte Hoffnung der Menschheit dar, solche existenziellen Bedrohungen wie den Klimawandel, neu auftauchende Krankheitserreger, außerirdische Boliden und das Bevölkerungswachstum zu meistern.

Doch ist die Wissenschaft von äußeren wie inneren Kräften bedroht. Um sich gegen diese Bedrohungen zur Wehr zu setzen, muss die wissenschaftliche Gemeinschaft jetzt ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur nutzen – auf der Grundlage neuer Informationen, Entdeckungen, Erfahrungen und Ideen (der Stoff, aus dem der wissenschaftliche Fortschritt seit Jahrhunderten besteht).

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Ein großes Hindernis für den wissenschaftlichen Fortschritt ist der Mangel an Forschungsgeldern – ein Trend, der durch die Weltwirtschaftskrise verschärft wurde. Die ungewisse finanzielle Lage schreckt nicht nur Wissenschaftler davon ab, riskante oder ungerichtete Forschungszweige zu verfolgen, die zu entscheidenden Entdeckungen führen könnten, sondern sie machen es auch schwieriger, die besten und klügsten Köpfe für wissenschaftliche Karrieren zu rekrutieren, vor allem bei der umfassenden Ausbildung und Spezialisierung, die für eine solche Karriere notwendig sind.

Des Weiteren stellen führende Persönlichkeiten aus dem gesamten politischen Spektrum wissenschaftlich etablierte Prinzipien infrage (zum Beispiel den anthropogenen Klimawandel, die Evolution und die Vorteile von Impfungen) – ohne wissenschaftliche Grundlage. Bestenfalls lenken solche Aussagen von wichtigen Themen ab; schlimmstenfalls verzerren sie politische Entscheidungen. Obwohl sich derartige Bedrohungen der direkten Kontrolle der Wissenschaftler entziehen, könnte ein besserer Austausch mit Politikern und Öffentlichkeit dazu beitragen, weniger Falschinformationen in Umlauf zu bringen und das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken.

Doch wird die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft auch von innen her ausgehöhlt, da wissenschaftliches Fehlverhalten immer stärker Überhand nimmt (was sich in der jüngsten Flut an zurückgezogenen Veröffentlichungen niederschlägt) und die wissenschaftliche Belegschaft immer unausgewogener wird und mit verdrehten Anreizen konfrontiert ist. Obwohl sich die große Mehrheit der Wissenschaftler an höchste Integritätsstandards hält, können die zersetzenden Effekte von unehrlicher oder nicht reproduzierbarer Forschung auf die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht außer Acht gelassen werden.

Die Probleme liegen in der Anreizstruktur des Systems, in dem der Sieger alles bekommt und Stipendien, Preise und andere Belohnungen an diejenigen gehen, die zuerst veröffentlichen. Zwar ist dieser Konkurrenzgeist in der Wissenschaft nichts Neues – die Mathematiker Isaac Newton und Gottfried Leibniz kämpften im siebzehnten Jahrhundert mehr als ein Jahrzehnt erbittert darum, als Entdecker der Analysis anerkannt zu werden –, doch ist er so stark geworden, dass er den Fortschritt hemmt.

So kämpfen Wissenschaftler heute um Forschungsmittel und Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften in einem extrem umkämpften Umfeld, das ihre Ziele von denen der Öffentlichkeit, der sie dienen, abgekoppelt hat. Als im letzten Jahr beispielsweise C. Glenn Begley und Lee Ellis versuchten, 53 „bahnbrechende“ vorklinische Krebsstudien zu wiederholen, stellten sie fest, dass nahezu 90 % der Ergebnisse nicht reproduzierbar waren. Während die Forscher, die diese Studien zuerst veröffentlichten, von mehr Forschungsmitteln und Anerkennung profitiert haben könnten, haben die Patienten, die neue Krebsbehandlungen brauchen, nichts gewonnen.

Außerdem wird in diesem Der-Sieger-bekommt-alles-System nicht berücksichtigt, dass wissenschaftliche Arbeit größtenteils von Forschungsteams durchgeführt wird und nicht von Einzelpersonen. Infolgedessen gleicht die wissenschaftliche Arbeitswelt immer mehr einem Pyramidenschema: ungerecht, ineffizient und unhaltbar.

Die Anreize, die das Der-Sieger-bekommt-alles-System bietet, fördern das Schummeln – von fragwürdigen Praktiken und ethischen Ausrutschern bis hin zu regelrechtem Fehlverhalten. Das birgt die Gefahr eines Teufelskreises, in dem Fehlverhalten und schlampige Forschung belohnt werden, was sowohl den wissenschaftlichen Fortschritt als auch seine Glaubwürdigkeit untergräbt.

Die Probleme liegen auf der Hand. Doch um sie anzugehen, ist eine umsichtige Strategie notwendig, die der strukturellen Fragilität des Wissenschaftsbetriebs gerecht wird, in dem Wissenschaftler eine umfassende Ausbildung abschließen müssen, Bestimmungen leicht die Kreativität abwürgen können und begrenzte Mittel den Fortschritt erheblich verzögern können.

Aufgrund dieser Fragilität waren wenige Länder in der Lage, einen hochproduktiven Wissenschaftsbetrieb aufzubauen, auch wenn wissenschaftliche Innovationen und technologische Erfolge für die Produktivität, das Wirtschaftswachstum und den Einfluss eines Landes entscheidend sind. Angesichts der Herausforderungen beim Aufbau und bei der Aufrechterhaltung eines stabilen wissenschaftlichen Sektors, müssen Reformbemühungen vorsichtig unternommen werden.

Gleichzeitig müssen die Reformen umfassend sein und auf methodologische, kulturelle und strukturelle Probleme eingehen. Zu den methodologischen Reformen sollten überarbeitete Ausbildungsanforderungen zählen, die einen geringeren Grad an Spezialisierung ermöglichen, aber eine verbesserte Ausbildung in Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik bieten. Die Wissenschaftskultur muss im Rahmen der Reform langjährige Praktiken aufgeben, zum Beispiel die Art und Weise, wie Wissenschaftlern Anerkennung zuteil wird. Zudem sind Strukturreformen wichtig, die darauf abzielen, mehr Ausgewogenheit unter dem wissenschaftlichen Personal herzustellen und die Finanzierung zu stabilisieren.

Einige Reformen sollten recht leicht umzusetzen sein. Beispielsweise wäre es nicht schwer, Unterstützung für eine Verbesserung der Ausbildung in den ethischen Aspekten der wissenschaftlichen Forschung zu erhalten. Doch andere wichtige Reformen, beispielsweise die Entwicklung einer Alternative zum Der-Sieger-bekommt-alles-System, werden eine gewaltige Herausforderung darstellen.

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Eine effektive Reformstrategie sollte das wissenschaftliche Handwerkszeug benutzen – insbesondere bei der Datenerfassung und -analyse. Mehr Daten sind notwendig, um Unausgewogenheiten bei den Mitarbeitern und das Peer-Review-System zu verstehen und um zu begreifen, wie der Wissenschaftsbetrieb das Verhalten der Wissenschaftler beeinflusst.

Die Wissenschaft wurde von Soziologen, Historikern und Philosophen untersucht, selten jedoch von Wissenschaftlern selbst. Zumal derzeit verkehrte Anreize ihre Glaubwürdigkeit untergraben und die Forschung behindern, müssen die Wissenschaftler die Sache selbst in die Hand nehmen. Die wissenschaftliche Methode auf die Probleme der Wissenschaft anzuwenden, könnte den Wissenschaftlern die besten Aussichten bieten, um das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen und die Suche nach bahnbrechenden Entdeckungen zu beleben.