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Trump und die Wiedergeburt der Pressefreiheit

NEW YORK – Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat die etablierte Presse erschüttert, indem sie Nachrichtenmedien drangsaliert und ungeniert „alternative Fakten“ (sonst auch als Lügen bezeichnet) verbreitet. Doch ist Trumps Herausforderung des Status quo im Bereich der Medien möglicherweise nicht komplett schlecht: Journalisten haben nun Gelegenheit, die schlechten Gewohnheiten auszurotten, die damit einhergehen, dass man sich bei den Mächtigen einschmeichelt.

Trumps Chefstratege Stephen Bannon erregte neulich Fassungslosigkeit, als er gegenüber der New York Times erklärte, dass die Nachrichtenmedien „die Oppositionspartei“ verkörperten. Vielleicht wollte Bannon damit seine Gesprächspartner verwirren, doch er hat sie damit zugleich unabsichtlich an die konfrontative Rolle erinnert, die sie eigentlich spielen sollen. In einer gesunden Demokratie hilft die Presse den Bürgern, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen, indem sie deren Politik und Verhalten energisch hinterfragt.

Leider ist es inzwischen Jahrzehnte her, dass Amerika diese Art Nachrichtenmedien hatte. Stattdessen hat die Presse zugelassen, dass zahlreiche Regierungen ihr häppchenweise ausgewählte Informationen vorgesetzt haben. Die Nachrichtenorganisationen in den USA haben dem Zugang zu den Korridoren der Macht höchste Priorität eingeräumt, selbst wenn dieser Zugang an die Bedingung geknüpft ist, unbequeme Fragen zu vermeiden oder ausweichende Antworten zu akzeptieren.

Wenn dieser „Zugangsjournalismus“ dazu führt, dass führende Entscheider in den Redaktionen sich mit der politischen Elite identifizieren, entwickelt sich das Erklären der Ansichten der Regierung zu ihrem Hauptzweck. In Verbindung mit Einschnitten bei den Nachrichtenbudgets führt dies dazu, dass die politische Berichterstattung zu einem bloßen endlosen Kreislauf leerer Phrasen von Politikern und ihren Vertretern wird – nicht unähnlich einem spezialisierten Sportsender, der über eine Football-Saison berichtet.

Selbst die sorgfältiger faktenorientierten Medien haben in den letzten Jahrzehnten ihre Berichterstattung auf ein enges Spektrum von Themen begrenzt, das die eigennützigen Deutungen des politischen Establishments bestätigt. Weil sie sich lediglich mit den Perspektiven der Elite auseinandergesetzt hatten, wurden die Mitglieder der etablierten Medien zunächst von der Tatsache überrascht, dass viele Amerikaner, die 2008 und 2012 Barack Obama gewählt hatten, 2016 entweder zu Hause blieben oder für Trump stimmten.

Kein Unglück freilich zeigt die Gefahren eines Pressekorps, das zu sehr der Macht verfallen ist, besser auf als die Invasion im Irak – ein verheerender Fehler, dessen grässliche Dominoeffekte den Mittleren Osten und Europa bis heute in Mitleidenschaft ziehen. Im Vorfeld der Invasion hofierte die Regierung von George W. Bush unablässig Journalisten bei den etablierten liberalen und konservativen Nachrichtenmedien, und diese halfen ihr dann, die Unterstützung der Öffentlichkeit zu gewinnen, indem sie Behauptungen über Massenvernichtungswaffen in Umlauf brachten, die sich später als falsch erwiesen.

In den USA war die einzige etablierte Medienorganisation, die konsequent skeptisch über die Kriegsargumentation berichtete, die Knight Ridder Group (die inzwischen von McClatchy aufgekauft wurde). Wie die Reporter Warren Strobel und Jonathan Landay später erklärten, hatte ihr mittelgroßer Nachrichtenservice keinen Zugang zur höchsten Ebene erhalten, daher musste er sich auf Quellen aus den Nachrichtendiensten stützen, die die Fehler in den Behauptungen der Bush-Regierung offen zur Sprache brachten. Eine wahrheitsgetreue journalistische Berichterstattung profitiert, wenn keine Notwendigkeit besteht, den Zugang zu kultivieren.

Die Regierung Trump ist inzwischen dabei, einigen wichtigen Medien die Tür zu versperren; CNN ist dabei das prominenteste Beispiel. Vielleicht hofft Trumps Pressestelle, dass sie als Bedingung für eine neuerliche Zugangsgewährung eine Hofberichterstattung verlangen kann. Doch sollte dies die ausgeschlossenen Medienorganisationen befreien. Nachdem sie den direkten Zugang zu führenden Regierungsvertretern verloren haben, können sie sich nun ganz darauf konzentrieren, die Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Um diesen überlegenen Weg zu gehen, werden die Medien langjährige redaktionelle Modelle überdenken müssen. Der Reuters-Chefredakteur Steve Adler hat seine Kollegen vor kurzem aufgefordert, über die Trump-Regierung nicht anders zu berichten als über eine autoritäre Regierung im Ausland. „Verzichtet auf Informationsvorlagen und sorgt euch weniger um den offiziellen Zugang“, schrieb Adler in einem Brief an die Reuters-Mitarbeiter. „Sie waren sowieso nie besonders nützlich. Unsere Berichterstattung über den Iran war herausragend, und wir hatten praktisch keinen offiziellen Zugang. Was wir haben sind Quellen.“

Trump hofft, den nationalen Diskurs zu steuern, und er muss sich keine Sorgen machen, dass seine Verlogenheit ihm seine Anhänger entfremdet, denn diese glauben ohnehin schon, dass die „liberalen“ Medien sie und den von ihnen gewählten Präsidenten verabscheuen. Doch während wir die New York Times dafür loben sollten, dass sie die offensichtlich falschen Aussagen der Regierung als Lügen beschreibt, sollten wir zugleich auf die wichtigen ungelernten Lehren der miserablen Bilanz der Times im Vorfeld des Irakkrieges verweisen.

Die Bush-Regierung bezüglich der Massenvernichtungswaffen beim Wort zu nehmen – wofür sich die Times später entschuldigt hat –, war nur ein Aspekt des Versagens der Medien bei diesem Debakel. Die Nachrichtenmedien erlaubten es der Regierung nicht nur, fragwürdige Tatsachenbehauptungen aufzustellen, um die Invasion zu rechtfertigen; sie gestatteten es den Regierungsvertretern zudem, diesen Tatsachen eine Bedeutung zuzumessen, die ihnen nicht zukam, ohne irgendwelche Fragen zu stellen.

Man sollte sich daran erinnern, dass Deutschland und Frankreich mit den faktischen Behauptungen der Bush-Regierung über die irakischen Waffen konform gingen, aber sich der Invasion aufs Heftigste widersetzten, weil sie der Ansicht waren, dass die Folgen eine viel größere Gefahr darstellen würden, als Saddam Hussein je sein könnte. Diese Ansicht hat sich inzwischen bestätigt. Selbst wenn die US-Streitkräfte Riesenmengen an chemischen und biologischen Waffen im Irak gefunden hätten, würde die Geschichte den Krieg nicht weniger hart beurteilen.

Bannons Bemerkung über die Presse als „Opposition“ sollte uns an diese jüngste Geschichte erinnern. Um die amerikanische Demokratie vor der Bedrohung durch einen autoritären Populismus zu verteidigen, dürfen die Medien nicht aufhören, Trumps „alternative Fakten“ energisch in Frage zu stellen. Sie müssen eine andere Geschichte erzählen, die auf Beobachtungen, Untersuchungen und einer kritischen Bewertung der jeweils herrschenden Partei beruht – egal, ob es sich dabei um Republikaner oder Demokraten handelt.

Die wahre Story spielt sich, wie das Jahr 2016 gezeigt hat, häufig an Orten ab, denen die Medien keine Aufmerksamkeit schenken. In Adlers Anweisung an seine Mitarbeiter heißt es: „Geht heraus ins Land und bringt mehr darüber in Erfahrung, wie die Menschen leben, was sie denken, was ihnen hilft und schadet und wie sie – und nicht wir – die Regierung und deren Handeln wahrnehmen.“ Journalisten sollten keine Angst davor haben, sich auf der falschen Seite der Macht wiederzufinden. Im Gegenteil: Genau da gehören sie hin.

Aus dem Englischen von Jan Doolan