Roberto Machado Noa/LightRocket via Getty Images

Die Verbesserung der wirtschaftlichen Vergangenheit

CAMBRIDGE – Trockene Berichte einer Statistikbehörde rauben einem nur selten den Atem, aber die jüngste Veröffentlichung über die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Vereinigten Staaten vom US-Büro für Ökonomische Analyse (BEA) ist eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Immerhin handelt es sich hier um den umfassenden Bottom-Up-Fünfjahresbericht der BEA über Einkommen, Produktion und Preise, der bis in die Model-T-Tage der wirtschaftlichen Aktivitäten zurückreicht.

Kämpft man sich durch die Details des Berichts, fallen einem die leicht verbesserten Aussichten für das mittelfristige Wachstum auf. Darüber hinaus deuten die Daten über die persönlichen Ersparnisse auf eine geringere Anfälligkeit und stärkere Widerstandskraft des Sektors der Privathaushalte hin. Andererseits ändert der Bericht nichts an den beiden gähnenden staatlichen Löchern – dem Zwillingsdefizit in der Haushalts- und Leistungsbilanz.

Wir Ökonomen müssen nach diesem Bericht unsere Einschätzung der US-Wirtschaft ändern. Erst einmal gibt es zwei gute Nachrichten: Nicht nur stieg das reale BIP im zweiten Quartal 2018 aufs Jahr hochgerechnet um 4,1%, sondern auch die Produktionsdaten für das erste Quartal wurden etwas nach oben angepasst, und dem ging ein deutlich höheres Einkommenswachstum voraus. Der Nettoeffekt dieser Entwicklungen ändert zwar nichts am Gesamtbild – noch immer haben die USA sechs Jahre gebraucht, um sich von der Großen Rezession zu befreien – aber der Wachstumstrend (gemittelt aus Produktion und Einkommen, was eine zuverlässigere Messzahl ergibt als einzeln betrachtet) war schneller als bisher angenommen. Dies ist bedeutsam, weil kleine Steigerungen der Wachstumsrate aufgrund der Aufzinsung langfristig große Vorteile bringen.

Und zweitens, was noch wichtiger ist: Das zusätzliche Haushaltseinkommen wurde nicht durch neue Ausgaben aufgezehrt. Nominal betrachtet hat sich das Sparniveau der Haushalte verglichen mit den vier Vorquartalen fast verdoppelt. Relativ zum verfügbaren Einkommen liegt die persönliche Sparquote nun nicht mehr bei den 3,2% vom Mai, sondern bei 6,8%. Darüber hinaus verlief sie in den letzten fünf Jahren nicht, wie bisher vermutet wurde, steil abwärts, sondern auf einem Niveau von über 6% seitwärts. Die Anpassungen nach oben reichen sogar noch weiter zurück. Seit Mitte der 1990er liegen die prozentualen Unterschiede zwischen den ursprünglichen und den aktualisierten Daten für nominale Privatersparnisse im zweistelligen Bereich.

[Schaubild 1]

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung scheint sich an die bilanzielle Realität angepasst zu haben. Seit der Finanzkrise haben sich die US-Haushalte entschuldet und Wohlstand aufgebaut. Zwischen 2008 und 2017 konnten sie laut der Federal Reserve ihr Gesamtvermögen zwischen 2008 und 2017 um den Einkommensgewinn von etwa 1,75 Jahren Arbeitszeit steigern.

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Durch diese Revision der Daten für die Ausgaben der Privathaushalte wird der wirtschaftliche Ausblick erheblich verbessert. Wenn die amerikanischen Familien momentan ihr Einkommen nicht überstrapazieren, verfügen sie über genug Ressourcen, um weiterhin ihre Ausgaben zu erhöhen. Realwachstumsraten von 4% oder höher sind zwar momentan nicht absehbar, aber immerhin wird die US-Wirtschaft im Jahr 2018 um etwa 3% expandieren – ein Tempo, das seit über zehn Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Ein solches Wirtschaftswachstum übersteigt die Vergrößerung der Gesamtangebots, was die Ressourcenverwendung belastet und die Federal Reserve dazu motiviert, ihren Weg der schrittweisen Zinsnormalisierung weiter zu gehen. Das dieses Tempo aber verlangsamt wird, ist angesichts der neuen Daten weniger zwingend, da sie nahelegen, dass sich die Fed weniger Sorgen über Stabilitätsrisiken machen sollte. Immerhin kann man von Haushalten, die doppelt so viel sparen wie zunächst vermutet, erwarten, dass sie steigende Zinsen besser verkraften können.

Angesichts der Staatshaushalts- und Leistungsungleichgewichte, die von der Datenaktualisierung nicht betroffen sind, muss sich diese Widerstandskraft allerdings langfristig erst bewähren. Dass die gesamtwirtschaftlichen Einkommensrechnung so attraktiv ist, liegt teilweise daran, dass sie kumulativ wirkt: Wenn ein Land mehr spart, aber die Investitionen gleich bleiben, leiht es sich weniger vom Rest der Welt (oder vergibt mehr Kredite). Dadurch verbessern sich die Nettoexporte und die Leistungsbilanz.

[Schaubild 2]

Aber in diesem Fall ist das nicht geschehen. Die stark erhöhten Ersparnisse wurden durch kleinere Zuwächse bei den Investitionen, dem Gesamtinventars und der statistischen Diskrepanz aufgewogen. Nichts ändert sich an der harschen Realität, dass das amerikanische Leistungsbilanzdefizit dabei ist, die Grenze von 3% des nominalen BIP zu übersteigen, was die Abhängigkeit von ausländischen Investoren vergrößert. Die USA produzieren zwar die Dollars, nach denen andere Länder gieren, aber viel mehr auch nicht.

Darüber hinaus gab es keinen Zauberstab, den die BEA-Magier schwingen konnten, um das dominante Merkmal der wirtschaftlichen Landschaft zu ändern: Auch nach der Datenrevision gibt die Zentralregierung immer noch erheblich mehr aus, als sie einnimmt. Das staatliche Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr die Grenze von einer Billion Dollar übersteigen. Und da nicht nur das Wachstum bereits jetzt über seinem potenziellen Wert liegt, sondern auch die Arbeitslosigkeit deutlich unter ihrem natürlichen Niveau, ist das zyklische Argument für entsprechende Stimuli nur schwach ausgeprägt. Die so steigenden Schulden werden auf der zukünftigen wirtschaftlichen Aktivität lasten und zu stärkerer finanzieller Anfälligkeit führen.

Aber noch nicht jetzt. Wir haben gelernt, dass die Wirtschaft etwas schneller wächst und die Privathaushalte sparsamer sind als bisher angenommen. Nehmen wir dies doch einfach als ein weiteres Beispiel dafür, dass die Vergangenheit manchmal besser ist, als sie damals schien.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

http://prosyn.org/J8nvHuK/de;

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