nye220_JOHANNES EISELEAFP via Getty Image_USChina Johannes Eisele/AFP via Getty Images

Amerikas neue Großmachtstrategie

CAMBRIDGE – Während der vier Jahrzehnte des Kalten Krieges verfolgten die Vereinigten Staaten eine große Strategie, deren Schwerpunkt darauf lag, die Macht der Sowjetunion einzuhegen. Aber nach dem Zusammenbruch ihres Gegners in den 1990er Jahren musste Amerika auf diese Leitlinie verzichten. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 versuchte die Regierung von US-Präsident George W. Bush, diese Lücke durch eine Strategie zu füllen, die sie „globalen Krieg gegen den Terror“ nannte. Aber dieser Ansatz hat nur eine schwache Leitlinie gegeben und lange Kriege der USA auf Nebenschauplätzen wie in Afghanistan und im Irak ausgelöst. 2017 kehrte Amerika dann zum „Wettbewerb der Großmächte“ zurück – dieses Mal gegen China.

Als große US-Strategie hat der Wettbewerb der Großmächte den Vorteil, dass er sich auf die Hauptbedrohungen für die Sicherheit, die Wirtschaft und die Werte des Landes konzentriert. Obwohl der Terrorismus weiterhin ein Problem ist, das die USA ernst nehmen müssen, ist er weniger bedrohlich als rivalisierende Großmächte. Terrorismus ist wie Jiu-Jitsu, wo ein schwacher Gegner die Kraft eines stärkeren Wettbewerbers gegen ihn selbst einsetzt. Auch wenn bei den Angriffen vom 11.9. über 2.600 Amerikaner getötet wurden, haben die „endlosen Kriege“, die die USA als Antwort darauf geführt haben, sogar noch mehr Menschenleben gekostet – und Billionen von Dollar. Und obwohl die Regierung von Präsident Barack Obamas versucht hat, sich auf Asien – den am stärksten wachsenden Teil der Weltwirtschaft – neu auszurichten, blieben die USA aufgrund ihres globalen Kriegs gegen den Terror weiter im Nahen Osten verstrickt.

Eine Strategie des Wettbewerbs der Großmächte kann Amerika dabei helfen, sich zu fokussieren, führt aber zu zwei Problemen: Erstens wirft sie sehr unterschiedliche Arten von Staaten in einen Korb. Russland ist eine absteigende und China eine aufsteigende Weltmacht. Die USA müssen die besondere Art der Bedrohung erkennen, die Russland darstellt. Wie die Welt unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1914 unsanft erkennen musste, geht eine absteigende Großmacht (Österreich-Ungarn) in einem Konflikt manchmal die größten Risiken ein. Heute ist Russland in demographischer und wirtschaftlicher Hinsicht im Niedergang, verfügt aber weiterhin über enorme Ressourcen, mit dem es in vielen Bereichen Störungen verursachen kann – von der nuklearen Rüstungskontrolle über Cyber-Konflikte bis hin zum Nahen Osten. Daher brauchen die USA eine Russlandstrategie, mit der sie das Land nicht in Chinas Arme treiben.

We hope you're enjoying Project Syndicate.

To continue reading, subscribe now.

Subscribe

or

Register for FREE to access two premium articles per month.

Register

https://prosyn.org/dVwYGOWde