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Universitäten: Renaissance oder Niedergang?

„Europas Universitäten schaffen es als Gruppe betrachtet nicht, die intellektuelle und kreative Energie zu liefern, die notwendig ist, um die schlechte Wirtschaftsleistung des Kontinents zu verbessern.“ Diese dramatische Behauptung steht am Anfang einer neuen Schrift mit dem Untertitel „Renaissance oder Niedergang“, den ich für diese Betrachtung ausgeliehen habe.

Die beiden Autoren der Schrift, Richard Lambert, ehemaliger Redakteur der Financial Times und zukünftiger Generaldirektor des Verbandes der britischen Industrie, und Nick Butler, Gruppenvizepräsident für Strategie und unternehmenspolitische Entwicklung bei British Petroleum, vertreten keine eigennützigen akademischen Interessen. Was sie über Europa sagen, trifft wahrscheinlich auch auf die meisten anderen Teile der Welt zu, allerdings nicht auf die Vereinigten Staaten.

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Lambert und Butler benennen vier Hauptschwächen der europäischen Universitäten, die angegangen werden müssen. Sie fordern:

  • größere Vielfalt anstelle der heutigen Gleichförmigkeit;
  • Erfolgsanreize für Universitäten, was bedeutet, dass sie sich höhere Ziele setzen müssen;
  • weniger Bürokratie und mehr Freiheit und Verantwortlichkeit;
  • vor allem eine angemessenere Finanzierung, um die europäischen Universitäten näher an das US-Niveau von 2,6 % des BIP heranzubringen, von derzeit durchschnittlich weniger als der Hälfte dieses Prozentsatzes.

Nicht alle werden die dieser Analyse zugrunde liegende Annahme überzeugend finden. Warum ist es notwendig, den Universitäten so viel Aufmerksamkeit zu schenken? Weil wir, so sagt man, heute in einer „Wissensgesellschaft“ leben. Vielleicht. Es ist auch eine Tatsache, dass ein Universitätsstudium die beste Garantie für junge Leute darstellt, in einer globalisierten Welt, in der Informationen einen Schlüssel zum Erfolg darstellen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Dennoch ist keineswegs sicher, dass Bildungssysteme, in denen 50 % oder mehr eines jeden Jahrgangs einen Universitätsabschluss anstreben, den Anforderungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts am besten gerecht werden. Bei vielen Arbeitsstellen handelt es sich eigentlich nicht um „High Tech“, sondern – in den Worten des Briten Adair Turner – um „High Touch“, also um Stellen aus dem Dienstleistungssektor mit häufigem Kundenkontakt, für die keine universitäre Ausbildung notwendig ist. Es gibt sogar noch mehr Stellen, die eine Mischung aus beiden darstellen. Somit ist ein flexibles System vielfältiger Ausbildungseinrichtungen unter Umständen einem System vorzuziehen, das einen von zwei Studierenden zu einem akademischen Abschluss führt.

Würden wir uns beispielsweise darauf einigen, dass 25 % jeder Generation eine akademische Laufbahn einschlagen, müssten die Universitäten in Europa und in vielen anderen Teilen der Welt immer noch ihre bedauerliche Tendenz überwinden, ihre Ziele gegen die Geschäftswelt zu definieren. Diese Tendenz ist sowohl für die Geschäftswelt schädlich, da ihr der kulturelle Reichtum, den die Hochschulbildung bietet, vorenthalten bleibt, als auch für die Universitäten, weil ihnen dadurch ihr eigentlicher Platz in der realen Welt genommen wird.

Es gibt gute Gründe für eine angemessenere Finanzierung der Hochschulen, einschließlich Studiengebühren, die immer noch in vielen Ländern außerhalb der USA unpopulär sind. Doch wird nicht bloß Geld gebraucht. Eine der im Vergleich größten Stärken der amerikanischen Universitäten liegt in der Art der menschlichen Beziehungen. Dozenten nehmen ihre Aufgabe ernst. Sie suchen den Kontakt zu den Studierenden, anstatt ungeduldig auf Feiertage und Ferien zu warten, um ihren eigenen Projekten nachzugehen. Sie sind echte Universitätslehrer, und keine Leute, die sich auf die „Einheit von Forschung und Lehre“ berufen, um sich auf Forschungsthemen zu konzentrieren und zu hoffen, dass sich die Lehre von selbst regelt.

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Darüber hinaus zeichnet sich die Forschungsatmosphäre an amerikanischen Universitäten durch ein hohes Maß an formloser Zusammenarbeit aus. Man trifft sich in Laboren und Seminaren, aber auch in Gemeinschaftsräumen und Cafeterien. Die Leute sind nicht von ihrem Status in der Hierarchie besessen oder von Assistenten umgeben.

Sie sind auch nicht an eng definierte Projekte und Projektgruppen gebunden, die sich um sie herum bilden. Trotz heftiger Konkurrenz um akademische Anstellungen, Raum in Journalen und anderen Medien und um Aufstiegsmöglichkeiten allgemein redet man als Kollegen miteinander. Genau das mögen Doktoranden und Postdoktoranden, wenn sie an amerikanische – und in geringerem Maße an britische – Universitäten gehen. Sie vermissen es auch, wenn sie zu Hause wieder in die schlechten, alten Gewohnheiten verfallen. Wie in so vielen anderen Beziehungen müssen die Universitäten nicht nur in Europa, sondern auch in Japan, Südkorea und den sich entwickelnden Teilen der Welt, einschließlich China und Indien, ihre starren Strukturen und Gewohnheiten auflockern, um den Niedergang zu verhindern und den Nährboden für eine Renaissance zu schaffen.