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Konfliktmanagement und Wirtschaftswachstum

NEU DELHI – Einer der interessantesten Aspekte der andauernden Wirtschaftskrise in Europa und der noch längeren Krise in Japan ist die Abwesenheit ernsthafter sozialer Konflikte – zumindest bis jetzt. Natürlich gab es Streiks, Protestmärsche und wachsende Wut auf Politiker, aber die Proteste waren größtenteils friedlich.

Zwar kann sich dies ändern, aber bisher konnte der soziale Frieden durch Institutionen wie Wahlen (“Werft die Schurken raus” ist eine gewaltlose Art, mit Volkszorn umzugehen), flexible demokratische Gesetze und effektive Gerichtsbarkeit aufrecht erhalten werden. All diese Institutionen trugen dazu bei, dass während einer Zeit großer Probleme in den Industrieländern politische Konflikte erfolgreich beigelegt werden konnten.

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Dies könnte bedeuten, dass ein Hauptgrund für mangelnde Entwicklung darin liegt, dass in armen Volkswirtschaften solche problemlösenden Institutionen nicht vorhanden sind. Konflikte zwischen sozialen Akteuren lassen sich durch Wirtschaftswachstum übertünchen. Durch Rezessionen hingegen werden latente soziale Spannungen häufig aufgedeckt oder verschärft.

Warum scheinen die Früchte des Wachstums leichter verteilbar zu sein als die Lasten der Widrigkeiten? Diese Frage ist keineswegs trivial. Vielleicht liegt die Antwort in der menschlichen Psychologie. Wenn Konsum durch Gewohnheiten bestimmt ist, ist ein Einkommensverlust sehr schwer zu ertragen, und man kämpft, um ihn zu verhindern. Im Aufschwung ist der Kampf um zusätzlichen Gewinn dagegen weniger wichtig. Auch könnten Konflikte, da sie Wachstumsmöglichkeiten zerstören, als kostspieliger angesehen werden, wenn das Wachstum stark ist. Streit zwischen Arbeitern und dem Management beispielsweise könnte Investoren vertreiben – und damit die Chance, neue Projekte zu beginnen. Aber wenn keine neuen Investitionsgelegenheiten am Horizont erkennbar sind, ist ein solcher Streit weniger kostspielig, da bestehende Anlagen und Maschinen bereits Kosten der Vergangenheit darstellen.

Unabhängig davon, warum Konflikte in Zeiten wirtschaftlicher Probleme größer ausfallen, ist die Art, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht, von der Größe und der Qualität ihrer für Konfliktmanagement zuständigen Institutionen abhängig. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier von der Oxford University hat gezeigt, dass in armen Ländern Bürgerkriege üblicherweise auf Jahre schwachen Wirtschaftswachstums folgen. Auch nachdem in diesen Ländern der Frieden wiederhergestellt ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass erneut Konflikte auftreten.

Daher überrascht es nicht, dass die Institutionen für Konfliktmanagement in diesen Staaten normalerweise schwach sind – Gesetze werden nur lückenhaft durchgesetzt, demokratische Prinzipien werden nur begrenzt befolgt, und es gibt kaum Möglichkeiten, die Regierung zu kontrollieren. Auch Dani Rodrik von der Harvard University hat festgestellt, dass die Länder mit den schwersten Wachstumseinbrüchen nach 1975 unter Gesellschaftsspaltungen litten und nur schwache Institutionen zum Konfliktmanagement zur Verfügung hatten.

Gesellschaften mit gut funktionierenden Institutionen verteilen die Bürden schwieriger Zeiten auf vorhersagbare Weise. So werden dort Menschen, die in der Krise am meisten leiden, von einem gut ausgeprägten sozialen Sicherheitsnetz aufgefangen – beispielsweise durch ein Anrecht auf grundlegende Arbeitslosenversicherung. So wurde während der anhaltenden Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten auf föderaler und bundesstaatlicher Ebene die Arbeitslosenhilfe verlängert.

Ebenso können Schuldner und Gläubiger aufgrund transparenter Insolvenzregelungen ihre jeweiligen Einbußen bestimmen. Wenn Schmerzen durch explizite institutionelle Mechanismen verteilt werden, müssen sie nicht auf die Straße getragen werden.

Wenn dagegen die Institutionen zu schwach sind, um vorhersagbare und akzeptable Lösungen herbeizuführen, haben alle Beteiligten einen Anreiz, um ein größeres Stück des Kuchens zu kämpfen. Dann werden die Ergebnisse mehr durch die jeweilige Verhandlungskraft der Akteure bestimmt, als durch bereits bestehende implizite oder explizite Regelungen. Und oft brechen die Verhandlungen zusammen. Streiks, Aussperrungen oder gar gewalttätige Konflikte führen zu Verlusten für alle Beteiligen.

Können Länder ohne verlässliche und effektive Gesetzgebung oder Justizsysteme etwas tun, um sich besser gegen Rückschläge zu schützen?

Eine Antwort könnte sein, Vereinbarungen zu treffen, deren Durchsetzung weniger stark vom Rechtssystem abhängt. Ein Beispiel sind Arbeitsverträge, die in vielen Entwicklungsländern effektiv verhindern, dass Arbeiter von ihren Arbeitgebern entlassen werden. Dies wird allerdings als ineffizient angesehen, da es Firmen daran hindert, sich schnell an veränderte Unternehmensbedingungen anzupassen.

Oft gehen solche Prohibitionen auf übermäßig starke Gewerkschaften zurück, die die Wirtschaft in Geiselhaft halten. Aber wenn zu Unrecht entlassene Arbeiter aufgrund langsamer oder korrupter Gerichte keinen rechtlichen Schutz genießen, sind Entlassungsverbote – und öffentlich wirksame Massenproteste im Fall von Übertretungen – vielleicht die einzige Möglichkeit, sie vor willkürlichen Entscheidungen der Arbeitgeber zu schützen.

Wenn die Regierung kein soziales Netz garantieren kann und es keinen Markt für private Versicherungen gibt, kann Arbeitsplatzsicherheit auch als eine Art von Sozialversicherung dienen. Angesichts einer größeren Verhandlungsmacht der Unternehmen können unflexible Verträge so die Arbeiter schützen.

Solche Vereinbarungen sind allerdings nicht umsonst zu haben. In einer Rezession scheitern zu viele Unternehmen, weil sie keine Arbeitskräfte entlassen können. Oder Unternehmen bleiben mangels Entlassungsmöglichkeiten absichtlich klein, damit sie keine Aufmerksamkeit bei den Behörden erregen. Vielleicht stellen sie auch informelle Arbeitskräfte ohne Rechte ein, oder bezahlen Inspektoren dafür, ein Auge zuzudrücken (was auch bei der Arbeitsplatzsicherheit in den Bekleidungsfabriken von Bangladesch der Fall sein mag).

Daher könnte der Versuch, Arbeiter durch rigide Gesetze zu schützen, die unbeabsichtigte Folge haben, dass nicht genug sichere Arbeitsplätze geschaffen werden. Dies könnte in Indien so sein, wo die meisten Arbeiter über sehr wenig Rechte verfügen und die wenigen Großunternehmen, die sich im formalen Sektor bewegen, oft viel in arbeitssparende Maßnahmen investieren, um nicht zu viele geschützte Arbeiter einstellen zu müssen.

Dies zu ändern, ist nicht leicht. Geschützte Arbeiter haben keinen Grund, ihre Vorteile aufzugeben. Darüber hinaus wäre die Abschaffung rigider Schutzmechanismen ohne gleichzeitige Alternativen, ausreichende Sicherheitsnetze und Gesetzesreformen sozialer Sprengstoff. Gleichzeitig ist ein gewisser Schutz besser als nichts, und wenn die meisten Arbeiter ungeschützt sind, sind Änderungen nötig, um noch schlimmere Konflikte zu verhindern.

Für nachhaltigen Wandel in den Entwicklungsländern ist es nötig, nicht nur besondere Regelungen wie rigide Arbeitsgesetze zu reformieren, sondern auch grundlegendere Institutionen wie die Legislative und die Judikative, um sie mehr auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Um sich angesichts langsamen Wirtschaftswachstums und hoher Arbeitslosigkeit etwas besser zu fühlen, sollten die Bürger der Industriestaaten darüber nachdenken, wieviel schlimmer es ohne die ihnen zur Verfügung stehenden Institutionen sein könnte.

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Dieser Artikel gibt die persönlichen Ansichten des Verfassers wieder.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff