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Helikoptergeld ist kein Weg zu Wachstum

MÜNCHEN – Die Diskussion über sogenanntes Helikoptergeld als eine besonders extreme Form expansiver Geldpolitik geht in die nächste Runde. Inzwischen ist die Frage zu stellen, ob einige Zentralbanken, insbesondere die Bank of Japan, nicht bereits eine solche Politik betreiben. Helikoptergeld ist in der Tat nicht leicht von der verbreiteten Strategie der quantitative Lockerung zu unterscheiden, bei der Zentralbanken in großem Umfang Staatspapiere kaufen, um dem Bankensystem Liquidität zuzuführen. Beim Helikoptergeld verschenkt eine Zentralbank Bargeld oder Einlagen an den Staat oder die Bevölkerung. Da sie keinen Gegenwert in ihrer Bilanz verbucht, entstehen der Zentralbank Verluste, die ihr Eigenkapital reduzieren. So weit, so klar. Einen durchaus vergleichbaren Effekt hat es aber, wenn die Zentralbank staatliche Nullzinsanleihen erwirbt, die de facto nie zurückbezahlt werden - entweder weil es Anleihen ohne Endfälligkeit sind oder weil die Zentralbank zur Rückzahlung fällige Anleihen stets durch neue Schuldpapiere des Staates ersetzt. Das ist es, was die die Bank of Japan seit geraumer Zeit tut, indem sie ihren Bestand an (Nullzins-) Staatsanleihen kontinuierlich erhöht.

Prominente Ökonomen sehen darin ein probates Mittel zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Verhinderung von Deflation. Eine solche Politik der Schuldenfinanzierung durch die Zentralbanken ermögliche höhere Investitionen des Staates etwa in die Infrastruktur und schaffe gleichzeitig mehr Liquidität in der Wirtschaft, mit der eine Deflation verhindert werden könne.

Hat sich also das Prinzip des bekannten amerikanischen Ökonomen Milton Friedman, dass alles in der Wirtschaft seinen Preis hat, schließlich doch als falsch erwiesen (there is no such thing as a free lunch)? Nein, auch die Politik der monetären Staatsfinanzierung hat Kosten, und zwar hohe. Eine unbeschränkte Monetisierung der Staatsschulden untergräbt die Glaubwürdigkeit des Papiergeldsystems. Langfristig ist das nicht nur ein Risiko, sondern Gewissheit. Die historischen Erfahrungen der Kriegsfinanzierung liefern dazu umfassenden Anschauungsunterricht. Man muss nicht nur an den zweifachen Zusammenbruchs des Geldsystems in Deutschland denken, sondern kann beispielsweise auch auf die Folgen der monetären Staatsfinanzierung des amerikanischen Bürgerkriegs und bezeichnenderweise auch auf Japans Erfahrungen verweisen, das zu Anfang der 1930er Jahre – in Zeiten der Besetzung Chinas - unter Finanzminister Korekiyo Takahashi die Finanzierung der Staatswirtschaft mit Hilfe der Bank of Japan einführte. Mit dieser frühen Form des Keynesianismus gelang es, die Wirtschaft aus der Deflation zu führen, aber die harte Landung folgte kurz darauf. Die Inflation beschleunigte sich und die Versuche Takahashis, der Staatsverschuldung durch Kürzung der Militärausgaben Einhalt zu gebieten, scheiterten. Die Streitkräfte rebellierten und der Finanzminister fiel 1936 einem tragischen Attentat zum Opfer.

Befürworter des Helikoptergeldes wie Adair Turner, verweisen darauf, dass es auf die richtige Dosierung solcher geld- und finanzpolitischen Anreize ankomme, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Es würden klare Regeln gebraucht, um die Schuldenfinanzierung zu begrenzen. Das mag theoretisch gut begründet sein. Aber ist es aus politischer Sicht auch realistisch? Sobald das Tabu der monetären Finanzierung der Staatsverschuldung gebrochen ist, hätte wohl jede Zentralbank Schwierigkeiten, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen. Politische Entscheider würden sie immer dann unter Druck setzen, Geschenke zu verteilen, wenn es in ihren Wahlkalender passt.