kotrikadze3_VANO SHLAMOVAFP via Getty Images_russians in tbilisi VANO SHLAMOV/AFP via Getty Images

Verbannt Putin, nicht Puschkin

TIFLIS: Seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine hat sich die georgische Hauptstadt zu einem der interessantesten Orte der Welt entwickelt. Große Teile der kulturellen und geistigen Elite Russlands – Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Regisseure, Philosophen und Professoren – sind inzwischen hier zu finden. Man braucht nur ein Café zu betreten und hört unweigerlich Russisch und erkennt ein bekanntes Gesicht. Das gemütliche, malerische Tiflis ist klein, und alles ist problemlos sichtbar. Es gibt unzählige ukrainische Flaggen mit Slogans, die die Unterstützung für das Land zum Ausdruck bringen. Und dann sind da die Botschaften, die auf die Zäune und Häuserwände gekritzelt sind: Fuck Putin. Fuck Russland. Russisches Kriegsschiff, go fuck yourself.

Letztgenannte Äußerung – die Antwort der ukrainischen Grenzschützer auf der Schlangeninsel im Schwarzen Meer auf die russische Aufforderung zur Kapitulation zu Kriegsbeginn – hat sich rasch zu einem Slogan des Widerstands entwickelt. Das Problem ist, dass alle Russen nun als Unterstützer von Präsident Wladimir Putin verurteilt werden, so als wären sie auf diesem Kriegsschiff gewesen.

Ich flog mit meinen Kindern und meinem Mann (dem Chefredakteur des jüngst geschlossenen unabhängigen russischen Fernsehsenders Dozhd) nach Tiflis, nachdem das letzte Fenster der Redefreiheit in Russland zugeschlagen wurde. Selbst nachdem die russische Regierung den Sender im August 2021 zum „ausländischen Agenten“ erklärte, war es meinem Mann und mir noch gestattet, unserer Arbeit nachzugehen, weil Putin es für nötig erachtete, eine demokratische Fassade aufrechtzuerhalten.

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