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Kanzlerdämmerung?

Bundeskanzler Gerhard Schröders Rücktritt als Parteivorsitzender der SPD wird tief greifende Auswirkungen auf die Kräfteverteilung innerhalb der Bundesregierung und ihrer knappen rotgrünen Bundestagsmehrheit haben. Zwar scheint es verfrüht, von einer Kanzlerdämmerung zu sprechen, wie dies auf einigen Seiten derzeit der Fall ist, oder Schröders überraschenden Schritt als „Anfang vom Ende" seiner Amtszeit zu bezeichnen, doch ist es vollkommen richtig, hierin einen dramatischen Machtverlust zu sehen.

Der unmittelbare Gewinner ist der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering (64), der Schröder als Parteivorsitzenden beerben wird. Beide Politiker werden ein Zweigespann bilden, aber Schröder wird stärker auf Münteferings Loyalität angewiesen sein als Müntefering auf Schröders Erfolg.

Schröder vertritt innerhalb der politischen Linken eine moderate Linie, die sich mit der „New Labour"-Philosophie des britischen Premierministers Tony Blair oder dem Zentrismus des früheren US-Präsidenten Bill Clinton vergleichen lässt. Müntefering andererseits ist stärker traditionellen sozialdemokratischen Werten verbunden. Was den Führungsstil angeht, so ist Schröder ein Solist, Müntefering dagegen ein Mannschaftsspieler.

Der Bundeskanzler hat in Deutschland unter den wichtigen politischen Akteuren die stärkste Stellung inne. Die Stärke eines Kanzlers beruht jedoch nicht primär auf den ihm übertragenen verfassungsmäßigen Befugnissen, sondern auf dem Rückhalt, den er innerhalb der eigenen Partei genießt.