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Was macht eine große Führungspersönlichkeit aus?

SINGAPUR – Vor nicht allzu langer Zeit versuchten wir bei einem Abendessen in Singapur eine Definition der Qualitäten, die eine große Führungspersönlichkeit ausmachen. Für Klaus waren die wichtigsten Faktoren Herz, Hirn, Muskeln, Nerven und Seele. Für Kishore waren Mitgefühl, Scharfsinn und Mut von ebenso zentraler Bedeutung wie die Fähigkeit, Talente zu erkennen und Komplexität zu durchschauen. Das Ausmaß der Überschneidungen ist vielsagend.

Es ist kein Zufall, dass beide Aufzählungen mit Herz beginnen. Wie an Nelson Mandela und Mahatma Gandhi zu sehen, kann eine Führungspersönlichkeit nicht zu Größe gelangen, wenn sie keine tiefe Empathie für Menschen hegt – ein Gefühl, dass die Kampfbereitschaft gegen die Ungerechtigkeiten fördert, mit denen diese Menschen möglicherweise konfrontiert sind. 

Es ist unwahrscheinlich, dass derart heroische Führungspersönlichkeiten in normalen Zeiten auf der Bildfläche erscheinen. Doch wir leben nicht in normalen Zeiten. Im Gegenteil: die beispiellose Ungleichheit in vielen Teilen der Welt von heute präsentiert genau jene Art von Ungerechtigkeit, die eine große Führungspersönlichkeit mit Mitgefühl für die Menschen am Rande hervorbringen könnte. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau, ein junger Regierungschef, der heute am stärksten Hoffnung ausstrahlt, wurde teilweise aufgrund seines Engagements zur Unterstützung gewöhnlicher Menschen gewählt.

Dann kommt „Hirn“ – die Fähigkeit, sich durch die uns ständig umgebende Informationsflut durchzuarbeiten, um in einer komplexen und sich rasch ändernden Welt kluge Entscheidungen zu treffen. In diesem Bereich zeigen einige aktuelle Staats- und Regierungschefs höchstes Geschick.

So ist beispielsweise das fortgesetzte Wachstum sowie die Entwicklung der chinesischen und indischen Wirtschaft Ausdruck der Tatsache, dass Präsident Xi Jinping beziehungsweise Premierminister Narendra Modi die mit der vierten Industriellen Revolution verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen sowie auch deren Chancen verstehen. Sie wissen, dass sie in diesem komplexen Umfeld dynamische neue Industriezweige entwickeln müssen, die ihre jeweiligen Volkswirtschaften an die Spitze des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts stellen.

Die intelligente Anwendung neuer Technologien trägt auch zur Linderung der Armut bei. Eine Milliarde Inder, die mittlerweile über einen Aadhaar – eine elektronische Identitätskarte – verfügen, genießen jetzt ohne bürokratische Hürden direkten Zugang zu Sozialleistungen. Und eine Milliarde Chinesen, die mit ihrem Smartphone mobile Zahlungen vornehmen, genießen nun direkten Zugang zu allen möglichen Konsumgütern, die ihren Lebensstil verbessern.

Bislang wurde der Vorteil für das Wohlergehen aufgrund dieser technologischen Fortschritte noch nicht zuverlässig quantifiziert. Doch der Optimismus steigt sowohl in China als auch in Indien. Laut Angaben des Pew Research Center, sehen 87 Prozent der Chinesen die aktuelle wirtschaftliche Situation ihres Landes positiv und 82 Prozent glauben, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen heute. In ähnlicher Weise sehen 83 Prozent der Inder die Wirtschaft ihres Landes positiv und 76 Prozent sind der Meinung, dass es ihre Kinder besser haben werden.

Die dritte entscheidende Eigenschaft einer großen Führungspersönlichkeit ist Mut – oder Nerven, wie es Klaus formuliert. Die Flüchtlingswelle in Europa, vor allem der Zustrom syrischer Asylbewerber im Jahr 2015, führte zu einer Explosion der populistischen Stimmungslage, weswegen politische Entscheidungsträger zunehmend die Schließung der Grenzen forderten. Schwache Führungspersönlichkeiten beugten sich dem Druck, indem sie entweder ihre Rhetorik an jene der Populisten anpassten oder von ihren aufgeregten Konkurrenten einfach übertönt wurden.   

Nicht so Kanzlerin Angela Merkel. Sie ging mit eindrucksvollem Beispiel voran und stimmte zu, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen. Zunächst rutschte sie in der Gunst der Wähler – und sogar vieler ihrer Parteifreunde – bis zu einem Punkt ab, an dem manche schon begannen, den politischen Nachruf der Kanzlerin zu verfassen. Doch letztlich machte sich ihr bemerkenswerter Mut bezahlt. Mittlerweile ist sie weltweit als eine der stärksten Führungspersönlichkeiten unserer Zeit anerkannt.

Auf seine eigene ruhige Art zeigte der indonesische Präsident Joko „Jokowi” Widodo ähnlichen Mut. Ebenso wie Europa ist Indonesien mit wachsendem Druck nationalistischer und populistischer Stimmen konfrontiert, die darauf abzielen, die der indonesischen Staatlichkeit zugrunde liegenden fünf Prinzipien der Toleranz – die „Pancasila“ - auszuhebeln.

Verstärkt wurde dieser Druck, als der auch als Ahok bekannte politische Verbündete Jokowis, der früherer Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, wegen Blasphemie gegen den Islam zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Doch ebenso wie Merkel setzte Jokowi seinen Kampf gegen die Extremisten fort und verbot sogar die extremistische Gruppierung Hizbut Tahrir.

Natürlich erfordert es Muskeln – also Einfluss und Handlungsbefugnis – Mut in positive Änderungen umzusetzen, wofür wiederum profunde Kenntnisse der politischen Realitäten notwendig sind. Derartiges Geschick war beispielsweise entscheidend, eine grundlegende Veränderung im politischen System Irlands herbeizuführen, wo ein zutiefst konservatives Land mit Leo Varadkar einen homosexuellen Mann indischen Ursprungs zum Ministerpräsidenten wählte.    

Papst Franziskus zeigt wie diese verschiedenen Eigenschaften zu einer starken Führungsrolle verwoben werden können. Klugheit, Mut, Moral und Intelligenz untermauerten seine Bemühungen, die Position der römisch-katholischen Kirche in der Welt sowie ihre Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit zu verändern.

Während es beispielsweise die katholische Tradition verbietet, Homosexualität zu befürworten, hatte Papst Franziskus den Mut zu sagen: „Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über sie zu richten?” Ebenso brach Papst Franziskus mit der offiziellen Linie der Kirche, als er vorschlug, dass Frauen, die mit dem Zika-Virus in Kontakt kommen könnten, das im Vorjahr in Teilen Lateinamerikas wütete, künstliche Empfängnisverhütungsmethoden anwenden können.

Allgemeiner formuliert hat Papst Franziskus Mut und Weisheit bewiesen, indem er eine stärker dezentralisierte Kirchenstruktur förderte und die Vision einer inklusiven Kirche ins Auge fasste, die „Heimat für alle“ ist. In einem weiteren geschickten Schritt verfolgte er den schrittweisen Austausch hochrangiger Vertreter im Vatikan anstatt sämtliche Positionen auf einen Schlag neu zu besetzen.

Papst Franziskus verfügt auch über eine Eigenschaft, die Klaus als die Seele einer Führungspersönlichkeit bezeichnen würde. Die meisten Führungspersonen erliegen zu irgendeinem Zeitpunkt den mit ihren Ämtern verbundenen Annehmlichkeiten. Papst Franziskus allerdings lebt weiterhin ein einfaches, geordnetes Leben ohne irgendwelche Privilegien, die selbst im religiösen Bereich oftmals mit Führungspositionen verbunden sind.

In einer Welt, die sich rascher als jemals zuvor verändert, sollten wir uns um Führungspersönlichkeiten bemühen, die die Interessen der Menschen schützen und sich für deren Interessen auch einsetzen. Das heißt nicht nur die Fehler schwacher Führungspersönlichkeiten zu kritisieren, sondern auch die Erfolge der starken zu betonen. Sie mögen vielleicht dünn gesät sein, aber es gibt sie und wir sollten sie feiern.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier