A Turkish-backed Syrian rebel fighter speaks with relatives OZAN KOSE/AFP/Getty Images

Zynismus in Syrien

PARIS – In seinem Buch The Grand Strategy of the Byzantine Empireführt der Politikwissenschaftler Edward Luttwak die Langlebigkeit des Byzantinischen Reichs auf die Kunst der byzantinischen Diplomatie zurück. Indem es eher auf Überzeugung, Bündnisse und Eindämmung als auf Gewalt setzte, gelang es dem Oströmischen Reich acht Jahrhunderte zu überdauern – doppelt so lange wie das Römische Reich, aus dem es hervorgegangen war. Während Länder wie die Türkei und die Vereinigten Staaten versuchen einen Umgang mit der äußerst komplexen Situation in Syrien zu finden, täten sie gut daran, sich an die geschickte byzantinische Diplomatie zu erinnern.

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Die Offensive der türkischen Armee gegen Gebiete in Nordsyrien, die von Kurden gehalten werden – Amerikas engste Partner im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat – verdeutlicht, wie komplex die Krise in Syrien wirklich ist. Die Türkei und die USA, beide Gründungsmitglieder der NATO, laufen nunmehr tatsächlich Gefahr, dass es zu einer Eskalation kommt, die in einer direkten Konfrontation zwischen ihren jeweiligen Streitkräften münden könnte – eine Konfrontation, die Russland mit Befriedigung beobachten würde.

Die Türkei erliegt dem simplen Kalkül des Nahen Ostens: Hoheitsgebiet ist gleich Macht. Die Türkei – die ebenso stolz auf ihre osmanische Vergangenheit ist wie besorgt über den  Verlust ihrer einstigen imperialen Größe – hat den naheliegenden Schluss gezogen, dass ihre kurdische Bevölkerung unter keinen Umständen die Kontrolle über türkisches Territorium erlangen darf.

Die Bemühungen der Türkei, ihren neo-osmanischen Traum von maßgeblichem Einfluss in ihrer Nachbarschaft zu verwirklichen sind in den letzten Jahrzehnten wiederholt enttäuscht worden. Zwar hatten viele arabische Reformer nach dem Einsetzen des Arabischen Frühlings 2010 gehofft, dass ihnen die Türkei als Modell einer modernen Demokratie dienen würde, doch die Dinge entwickelten sich anders als sie es sich gewünscht hatten.

Die Türkei ist seither in den Autoritarismus abgeglitten, auch weil Präsident Recep Tayyip Erdoğan Nationalismus wirksam zu nutzen weiß. Die türkische Fernsehserie Mehmetçik Kut’ül-Amare, die von einem glorreichen Sieg osmanischer Truppen über die Briten während des Ersten Weltkrieges handelt, ist unter türkischen Zuschauern ein Hit. Und normalerweise wächst Erdoğans Beliebtheit in Zeiten zunehmender militärischer Spannungen, so sehr, dass einige politische Kommentatoren in der Türkei die Möglichkeit vorgezogener Wahlen ins Spiel gebracht haben, um das Regime weiter zu festigen, ähnlich wie es nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 der Fall war.  

All das hat zur Entfremdung der Türkei von der Europäischen Union beigetragen. Und nun hat Erdoğans Regime tatsächlich den Anschein aufgegeben, engere Beziehungen zur EU anzustreben und stattdessen sein Engagement für die Stärkung seiner Position im Nahen Osten verdoppelt. Vorrangiges Ziel der Türkei ist es, die Entstehung einer eigenständigen Enklave syrischer Kurden an seiner Grenze zu verhindern – eine Entwicklung, die türkische Anhänger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die hinter mehreren Terroranschlägen auf türkischem Boden steckt, beflügeln könnte Gleiches zu fordern.

Natürlich besteht immer die Gefahr, dass die militärischen Abenteuer der Türkei in Syrien nach hinten losgehen – etwa im Falle erheblicher Verluste an Menschenleben oder falls ein als vermeintlich unterlegener Gegner einen wichtigen Sieg erringt. Autoritäre Regime sind verwundbarer durch missglückte militärische Abenteuer als demokratische. Einstweilen scheint Erdoğan an seiner Strategie festzuhalten, die offensive und defensive Zielsetzungen vereint.

All das hat die USA in ein Dilemma geraten lassen, die nun gezwungen sind, sich zwischen ihrem offiziellen Verbündeten (Türkei) und ihren Partnern vor Ort (die Kurden) zu entscheiden. Die Loyalität des US-Militärs gilt eher den Kurden, die im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ mutig den Kopf hingehalten haben und dabei oft ums Leben gekommen sind. Diplomaten und Politiker hingegen sind eher bereit, die Kurden zu opfern, um die guten – wenn auch kühler und schwieriger werdenden – Beziehungen zur Türkei aufrechtzuerhalten, die weiterhin ein wichtiger NATO-Partner ist.  

Im Idealfall könnten die USA eine Möglichkeit finden die Türkei zu beschwichtigen, ohne die Kurden im Stich zu lassen. Da die Kurden fest entschlossen sind, ihren hart erkämpften Einfluss zu nutzen, um autonome kurdische Gebiete im Norden Syriens und im Irak zu festigen, dürfte es schwierig, wenn nicht unmöglich sein, eine solche Möglichkeit zu ersinnen.  

Die gegenwärtige Lage in Syrien ist zutiefst menschenverachtend. Erdoğan ergreift alle notwendigen Maßnahmen, um seine Macht zu festigen. Die USA sind indes bereit, ihre treuen Verbündeten, die Kurden, zu opfern ‒ angeblich im Namen der Staatsräson.

Doch der größte Zyniker könnte letztlich auch der Gewinner dieses Strategiespiels sein: Wladimir Putins Russland. Die Spannungen innerhalb der NATO sind größer als je zuvor. Wenn Syrien zum Schlachtfeld zweier Mitglieder des Bündnisses werden sollte, wären die Folgen für den Westen – und die Vorteile für Russland – immens.

Der größte Verlierer ist die Zivilbevölkerung, die Hauptleidtragenden in diesem blutigen Schachspiel. Und ihr Leid wird nur noch größer. Nur ist schon so viel Blut vergossen worden, dass die Welt zusehends abgestumpft ist.

Ein Diplomat, mit dem ich befreundet bin, hat mir unlängst anvertraut, dass seine neue Tätigkeit innerhalb des Geheimdienstes seinen Glauben an die Menschheit nicht gerade gestärkt hat. Der Umgang mit der Kurdenfrage in Syrien dürfte seine negative Einstellung nur noch bekräftigt haben.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/BZEYSQ4/de;

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