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Trump gegen den Westen

NEW YORK – In weniger als 50 Tagen werden wir wissen, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Obwohl die demokratische Kandidatin Hillary Clinton in den nationalen Umfragen vorn liegt, scheint es doch knapp zu werden. Das bedeutet, dass ihr republikanischer Gegner Donald Trump durchaus gewinnen könnte. Tatsächlich prüfen US-amerikanische Beobachter gerade, was die ersten 100 Tage der Amtszeit eines Präsidenten Trump mit sich bringen würden. Das Ergebnis stimmt nicht optimistisch.

Mit der Kandidatur von Trump ist die Realität unglaublicher geworden als die Fiktion. Kein Drehbuchschreiber aus Hollywood hätte es gewagt, sich einen Präsidentschaftskandidaten - und erst recht nicht einen Präsidenten - auszudenken, der so lächerlich ist wie Donald Trump. Kevin Spaceys Frank Underwood, die böse und hinterhältige Hauptfigur der amerikanischen Fernsehserie House of Cards, der während der Serie auch nicht vor einem Mord zurückschreckt, sieht im Vergleich dazu wie eine Mischung aus Kant und Lincoln aus.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Trump ist Amerikas Reality-TV-Mussolini. Er ist nicht nur ein Populist und ein isolationistischer Politiker, er ist gleichzeitig auch deren Karikatur. Wenn ihn amerikanische Wähler zum Präsidenten wählen, hätten sie geschafft, was weder die Sowjetunion während des Kalten Krieges noch die islamistischen Fundamentalisten heute geschafft haben: die Untergrabung des demokratischen Systems der einzigen Weltmacht.

Nehmen wir die Hilfe, die Trump von dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erhält, der zweifellos der prominenteste autoritäre Widersacher des Westens ist. Angesichts der Verunglimpfung des demokratischen Modells des Westens sieht der Herr des Kremls die Kandidatur Trumps als ein Geschenk Gottes. Trumps Wahl würde ein für allemal beweisen, dass trotz des nun bereits zwei Jahrhunderte währenden Kampfes gegen den Geist der Aufklärung, gegen Vernunft und Freiheit, die Götter des Despotismus ihre irdischen Handlanger nicht verraten haben.

Auch wenn Trump nicht gewinnt, verheißt die Tatsache, dass er es fast geschafft hätte, dass er als Kandidat weder von den amerikanischen Wählern und erst recht nicht vom gesamten Establishment der Republikanischen Partei zum Teufel gejagt wurde, nichts Gutes für die Werte und Prinzipien, auf denen die westlichen Demokratien beruhen. Aber ein Sieg Trumps wäre offensichtlich noch weitaus destruktiver. Und einfach nur annehmen, dass es schon nicht passiere, dass das Szenario zu absurd und gefährlich sei, um es ernst zu nehmen, macht es umso wahrscheinlicher.

Ein Paradebeispiel ist die Volksabstimmung im Vereinigten Königreich vom Juni dieses Jahres. Alle Experten waren sich einig, ein Brexit würde ernsthafte wirtschaftliche Folgen haben, und viele Befürworter eines Verbleibs in der EU hatten so viel Vertrauen in ihre Mitwähler, dass sie es nicht für nötig hielten, persönlich an der Abstimmung teilzunehmen. Und dann hat der Ausstieg gewonnen und eine Finanz- und Wirtschaftskrise sowie einen Anstieg von Hassverbrechen ausgelöst. Die Zukunft des Vereinigten Königreichs und Europas ist weiterhin ungewiss.

Die Motive für die Brexit-Entscheidung waren Angst und falsche Nostalgie. Man versprach den Briten eine Rückkehr in eine idealisierte Vergangenheit des Friedens und Wohlstands, als sie noch Herren über ihr eigenes Schicksal waren. Und dann machte man ihnen weiß, externe Kräfte - von Einwanderern bis hin zu den EU-Institutionen - seien der Grund für all ihre Probleme. Die Befürworter eines Verbleibs in der EU argumentierten mehr und waren eher unemotional.

Die Parallelen mit dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den USA sind auffallend. Clinton inspiriert nicht, während Trump an die niedrigsten Instinkte der Menschen appelliert.

Der amerikanische Kontinent entwickelt sich zurzeit dergestalt, dass er in weniger als 30 Jahren von einer Spanisch sprechenden Mehrheit dominiert sein wird. Da wirkt die Mischung aus Angst und Nostalgie, die das Trumplager serviert, besonders auf weiße Amerikaner wie ein unwiderstehlicher Zaubertrank. Es überrascht nicht, dass Trump bei weißen Männern ohne Hochschulbildung besonders gut und bei den Gruppen mit weniger positiven Erinnerungen an die Vergangenheit, nämlich Minderheiten und Frauen, besonders schlecht ankommt.

In meinem 2009 erschienenen Buch Kampf der Emotionen argumentierte ich, dass das zwanzigste Jahrhundert ein Jahrhundert der Ideologien gewesen sei, das einundzwanzigste dagegen ein Jahrhundert der Identität werden würde. Zu meiner großen Bestürzung scheinen der Brexit und die Kandidatur Trumps meine Prognose zu bestätigen. Identitätspolitik und damit auch Themen wie Souveränität und Sicherheit haben rationale Wirtschaftsinteressen als Hauptmotivation für Wählerentscheidungen abgelöst. Menschen leben eben tatsächlich nicht von Brot allein.

Natürlich tragen wirtschaftliche Faktoren dazu bei, dass Identitätspolitik erfolgreich ist. Eine wachsende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Reichtum haben die Mittelschicht geschwächt und viele dazu veranlasst, gegen die Eliten zu „revoltieren”. Wie der britische Journalist Martin Wolf sagte, sei die liberale Demokratie für viele nicht mehr mit dem globalisierten Kapitalismus vereinbar, ja sie widersprächen sich sogar. Jetzt scheinen viele beide loswerden zu wollen.

Aber die Situation ist aufgrund einer Terrorgefahr, die völlig aus den Fugen geraten ist, erheblich eskaliert, damit einher geht das Schüren von Angst vor Immigranten. Die Menschen können vielleicht überzeugt werden, in relativer Armut zu leben, wenn das bedeutet, dass sie sicher sind. Aber wenn sie die Aussicht auf Armut und Unsicherheit haben, vereint sich Angst mit Wut und verblendet die Vernunft.

In einem solchen Kontext wird alles denkbar - sogar etwas derartig Undenkbares wie ein Präsident Trump. Die Tatsache, dass das Establishment durch Clinton repräsentiert wird, mit ihrer jahrelangen Unbeliebtheit und ihrer Darstellung durch Medien und Republikaner als einer schwachen Frau, hilft dabei gar nicht.

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Amerikaner, aber nicht nur die, werden die letzten Wochen des Wahlkampfes mit der Neugier römischer Bürger bei einem Kampf von Gladiatoren beobachten. Aber wir sind nicht in einem römischen Zirkus. Die Zukunft des Westens, wenn nicht sogar der Demokratie selbst, hängt davon ab, welcher Kämpfer am Ende noch steht.

Aus dem Englischen von Eva Göllner