Cars destined for export stand at Bremerhaven port Alexander Koerner/Getty Images

Die Revolution des Donald Trump

BERLIN – Donald Trump macht Ernst, auch wenn Europa erst Mal von den Strafzöllen ausgenommen bleibt Mit seiner Entscheidung, Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren aus China und Europa in die USA zu erheben, und mit seiner Androhung, sollte die EU ihrerseits amerikanische Einfuhren mit Strafzöllen belegen, dann zu eskalieren und Strafzölle auf Automobile von Daimler-Benz und BMW zu erheben, legt er Hand an das System des freien Welthandels.

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Statt multilateraler Regeln für den Welthandel soll es fortan „America first!“ heißen. Die Folgen werden in der Realität zu besichtigen sein und werden auch das transatlantische Bündnis nicht unbeschädigt lassen. Aber auch ein Handelskrieg zwischen den USA und China, die beiden wichtigsten Exportmärkte des alten Kontinents, wird Europa in eine unersprießliche Lage bringen.

Es waren ja gerade die USA gewesen, die das freie Welthandelssystemystem nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt, und über lange Jahrzehnte hinweg mit großem Erfolg durchgesetzt hatten. Das heutige System des Welthandels kann man daher mit Fug und Recht als ein amerikanisches System bezeichnen, von dem allerdings viele profitiert haben und profitieren.Es geht bei der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten daher nicht nur um den Handel, sondern um die Verabschiedung Amerikas von seiner von ihm selbst errichteten Weltordnung, der sogenannten Nachkriegsordnung oder pax Americana und damit auch von seiner Rolle als dem Garanten dieser Ordnung.

Kaum ein Land ist mit dieser Ordnung mehr verbunden als die Bundesrepublik Deutschland, der amtierende Exportweltmeister. Der Wiederaufstieg Deutschlands nach 1945 (wie auch der Japans) war und ist auf das Engste mit dieser Ordnung verbunden. Bricht diese weg oder wird gar aktiv in Frage gestellt, geht es um mehr als nur um Handel, sondern um die eigentlichen Fundamente des Wohlstandes dieser beiden Gesellschaften. Die hohe Exportabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft machenDeutschland extrem druckempfindlich bei hochgehenden Handelsbarrieren und Strafzöllen.

Die Ankündigungen des amerikanischen Präsidenten laufen auf nichts geringeres hinaus als auf die Infragestellung des Geschäftsmodells Deutschlands, wie es sich seit den fünfziger Jahren entwickelt hat, und das ist keine Kleinigkeit für das Land, einem der engsten Bündnispartner der USA in Europa.

Optimisten werden sagen, dass das alles nicht so heiß gegessen wie gekocht wird. Solche radikalen Ankündigungen gehörten nun einmal zu Trumps Verhandlungsstrategie, siehe Nordkorea. Und siehe der jetzt gewährte Aufschub. Freilich: aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Pessimisten hingegen werden fragen, was aber, wenn am Ende das alles Ernst gemeint ist und früher oder später so kommen wird?

Man sollte sich hierzulande auch keine Illusionen machen, dass wenn es zu einem veritablen transatlantischen Handelskrieg käme, Deutschland auf Grund der handelspolitischen Abhängigkeiten und der Machtverhältnisse nur zu den Verlierern gehören könnte, trotz der EU und ihres großen Binnenmarktes. Die USA sind eben auch handelspolitisch eine Supermacht

Dies mag bei dem einen oder anderen EU Mitglied durchaus zu Anwandlungen von Schadenfreude führen, wegen vermeintlicher oder tatsächlicher deutscher Arroganz. Dies wäre aber sehr kurz gedacht, denn eine Schwächung der deutschen Wirtschaft, der größten innerhalb der EU, würde auch sofort negative Auswirkungen auf die gesamte EU und die Eurozone haben, zumal der Brexit und die politischen Dissonanzen innerhalb der EU, deren Geschlossenheit und Leistungsfähigkeit kurzfristig keineswegs steigern werden.

Es sei nicht vergessen, dass das italienische Wahlergebnis mit einer großen Mehrheit für europafeindliche, populistische Parteien und  die Ankündigung Trumps von Strafzöllen fast auf den Tag zusammenfiel.

Die EU, verantwortlich für Handelsfragen ihrer Mitgliedstaaten, ist handelspolitisch in keiner starken Position. Und Deutschland am allerwenigsten. Es zeigt sich jetzt, wie töricht es von Berlin war, auf die jahrelange Kritik und die vielfältigen Mahnungen von Freunden und Partnern am anhaltend hohen deutschen Außenhandelsüberschuss nicht mit verstärkten Investitionen im Inland zu reagieren, sondern auf Ignoranz zu setzen. Deutschland wäre dadurch heute in einer stärkeren, weniger angreifbaren Position.

Zudem: bei einem ausgewachsenen transatlantischen Handelskrieg getreu der alttestamentarischen Devise: „Auge um Auge...“ drohen nur allgemeine Blindheit und Verlierer auf allen Seiten. Er würde eine Rückkehr zur Abschottung und zum Protektionismus nach sich ziehen mit noch viel schlimmeren Folgen für die Weltwirtschaft nebst einem raschen Zerfall des Westens.

Es wird der EU also nichts anderes bleiben, als zu verhandeln und mit den Zähnen zu knirschen.

Eine machtpolitische Konsequenz der Trumpschen Handelsrevolution ist allerdings bereits heute absehbar. Die EU wird dadurch näher in Richtung China geschoben, was weder im Interesse der Europäer noch der USA liegt.

Das Ausgreifen Chinas in Richtung Europa mit seiner strategischen Initiative der neuen Seidenstraße wird  die Europäer von sich aus verstärkt vor die neue Alternative zwischen Eurasien (Ostorientierung) und Transatlantismus (Westorientierung) stellen. Diese Alternative auszubalancieren wird für Europa in Zukunft alles andere als einfach werden. Dabei geht es nicht mehr an erster Stelle um Russland, sondern um die neue Weltmacht China.

Eine Zerstörung oder auch nur Störung der transatlantischen Handelsbeziehungen kann deshalb nicht im Interesse der transatlantischen Partner sein und nur auf eine Schwächung des Westens insgesamt hinauslaufen.

In Peking jedenfalls schweigt man bisher und genießt, und wundert sich bisweilen noch etwas darüber, dass die Regierung Trump, die mit dem Versprechen angetreten war, „to make America great again!“, offensichtlich fast vom ersten Tag an America mit China zu verwechseln schien, nach der Devise „make China great again!“ Aber kann man China kritisieren, wenn es unverhofft Manna regnet? Ich meine, nein.

Vom transpazifischen Handelsabkommen, das Trump mit seiner ersten außenpolitischen Entscheidung China gewissermaßen für umsonst geschenkt hat, bis zum angedrohten Handelskrieg mit den engsten europäischen Verbündeten der USA zieht sich diese Linie durch die Außenpolitik Trumps.

Freilich wird sich die Situation auch für Peking mit dem Beginn eines Handelskrieges mit den USA radikal ändern. Die Welt wird dadurch sehr viel instabiler werden und die ostasiatischen Regionalkonflikte sehr viel gefährlicher, weil aufgeladen mit einem massiven Konflikt zwischen aufsteigender und absteigender Weltmacht.

Europa andererseits wird in den kommenden Monaten erleben müssen, wie schwach es tatsächlich ist in einer Welt, in der sich sein wichtigster Verbündeter und seine bisherige Schutzmacht, nicht nur in der Handelspolitik, von einem regelbasierten Multilateralismus zugunsten eines machtpolitischen Nationalismus verabschiedet. Bleibt zu hoffen, dass die Europäer schnell zu lernen und gemeinsam zu handeln in der Lage sind.

http://prosyn.org/bXdbKk7/de;

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