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Die Politik der Beschäftigungspolarisierung

WASHINGTON, DC – Ein zentrales Problem in den USA, das sich im Sieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen Anfang dieses Monats widerspiegelt, ist heute, dass sich zu viele Amerikaner angesichts der durch die Globalisierung und neue Technologien bedingten Polarisierung bei der Beschäftigung hilflos und unsicher fühlen. Den gut Ausgebildeten an der Spitze der Einkommenspyramide geht es besser denn je; wer jedoch nur die Highschool besucht hat, sieht sich und seine Kinder Verschlechterungen bei Einkommen, Lebensstandard und Zukunftsaussichten ausgesetzt. Die Mittelschicht ist dabei, zu zerreißen.

Trump hat vor allem deshalb gewonnen, weil er die Wähler in Pennsylvania, Michigan, Wisconsin und anderswo überzeugt hat, dass seine Politik in Gemeinwesen, in denen die Industrie im Niedergang begriffen ist, bessere Ergebnisse zeitigen wird. Tatsächlich wird seine Regierung, die durch republikanische Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses gestützt wird, die Lage für die schwer unter Druck stehenden Amerikaner nur noch verschlimmern.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Das grundlegende Problem sind die neuen Technologien, insbesondere die Informationstechnologie, und die Art und Weise, wie sie das Wesen der Arbeit verändert haben. Wie David Autor und David Dorn gezeigt haben, sind viele Arbeitsplätze der Mittelschicht, die mittlere Fähigkeiten erfordern und ihren Inhabern ein mittleres Einkommen bescherten, inzwischen verschwunden. Die neu entstandenen Arbeitsplätze sind entweder hochbezahlt (für hochgebildete Arbeitnehmer) oder schlecht bezahlt (für Leute, die nur die Highschool besucht haben). Ein wichtiges Symptom – aber nur ein Symptom – ist das Verschwinden gut bezahlter Fabrikarbeitsplätze. Die Beschäftigung in der produzierenden Industrie ist zwischen 2004 und 2014 um mehr als zwei Millionen gesunken und macht heute nur noch 8% der Gesamtbeschäftigung aus. Ihr langer Niedergang seit den 1950er Jahren setzt sich damit fort.

Dieser technologiebedingte Trend wurde noch verstärkt durch die Auswirkungen des Rückgangs der Transport- und Kommunikationskosten, der den Warentransport über weite Entfernungen verbilligt. Wachsende Netzwerke hochentwickelter Lieferanten erleichtern die Verlagerung der Fertigung in Billiglohnländer. Viele US-Unternehmen haben diese zu einem wichtigen Teil ihrer Unternehmensstrategie gemacht, und der daraus herrührende Niedergang der produzierenden Industrie geht Hand in Hand mit einem Niedergang der Gewerkschaften. Wenn die Leute relative hochbezahlte über die Gewerkschaften ausgehandelte Arbeitsplätze mit hohen Arbeitgeberleistungen verlieren, werden sie häufig zu einem geringeren Gehalt und ohne diese Arbeitgeberleistungen wieder eingestellt.

Die Finanzkrise von 2008 hat die Ungleichheit bei den Einkommen und die wirtschaftliche Unsicherheit unter anderem dadurch verschärft, dass sie den Verlust von Arbeitsplätzen in der produzierenden Industrie beschleunigt hat. Die Argumente, dass es notwendig oder sogar „optimal“ war, die finanzielle Unterstützung der Regierung in Richtung der Banken und ihrer Führungskräfte zu lenken, sind nicht überzeugend (zumindest nicht abseits der Wall Street). Zwar stimmt es, dass die wohlhabenden Amerikaner einen deutlichen Rückgang ihres Vermögens hinnehmen mussten, als die Vermögenspreise abstürzten. Doch inzwischen haben sie von einer robusten Erholung der Aktienkurse und der Preise für teure Immobilien profitiert.

In diesem Umfeld, in dem sich so viele Menschen über ihre wirtschaftlichen Aussichten unsicher waren, war das Drängen der Regierung von Präsident Barack Obama auf die Transpazifische Partnerschaft (TPP) bestenfalls unsensibel. Die Regierung argumentierte, dass die TPP einige gute Arbeitsplätze schaffen würde und dass diejenigen, die ihre Arbeit infolge der TPP verlören, „entschädigt“ werden würden. Doch erweisen sich derartige Entschädigungen immer als minimal und werden weithin als bedeutungslos betrachtet. Dies ist der Grund, warum Trump große Mehrheiten in so vielen Arbeiterbastionen erringen konnte, die in der Vergangenheit Obama unterstützt hatten.

Leider wird das Leben für diese Wähler nun schlechter werden. Nun, da sie den Präsidenten stellen und zugleich beide Häuser des Kongresses kontrollieren, werden die Republikaner vermutlich drei wichtige wirtschaftspolitische Ansätze verfolgen: Von Einkommens- und Körperschaftssteuersenkungen werden in erster Linie die reichen Amerikaner profitieren. Die Abschaffung von Obamas wichtiger Gesundheitsreform wird schwerwiegende Auswirkungen auf viele Menschen mit niedrigerem Einkommen haben, die ihren preiswerten Versicherungsschutz verlieren. Und die Deregulierung des Finanzsektors wird überwiegend den Großbanken zugutekommen, zu unbekümmertem Risikoverhalten ermutigen und den Boden für eine weitere große Krise bereiten. Darüber hinaus wird der vorgeschlagene Konfrontationskurs Trumps in der Handelspolitik die Beschäftigungssituation voraussichtlich verschlechtern.

Gleichzeitig dürfte das Ausmaß wirksamer Konjunkturimpulse für die Volkswirtschaft sehr gering sein. Eine zu einem Anstieg der Inflation und höheren Zinssätzen führende Überhitzung der Volkswirtschaft hilft Menschen mit niedrigem Einkommen in der Regel nicht (man erinnere sich an die 1970er Jahre).

Trumps wichtigstes inhaltlich wesentliches Versprechen war es, wieder Arbeitsplätze für die Mittelschicht zu schaffen, insbesondere in der produzierenden Industrie. Doch seine Politik und auch das allgemeinere Programm der Republikaner werden nichts tun, um dem grundlegenden Problem des technologischen Wandels zu begegnen. Und die nächste Welle technologischer Neuerungen, darunter fahrerlose Fahrzeuge, wird negative Auswirkungen auf Einkommen und Chancen all derjenigen haben, die derzeit mit Kraftfahrzeugen Waren ausliefern oder Fahrgäste befördern.

Zudem wird der rapide Fortschritt der künstlichen Intelligenz und der Robotik dafür sorgen, dass selbst bei einer Stabilisierung oder leichten Verbesserung der Produktionsleistung in den USA nicht annähernd so viele Arbeitsplätze für die Mittelschicht entstehen wie in der Vergangenheit. Zugleich wird die Automatisierung die Zahl gut bezahlter Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor schrumpfen lassen.

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Angesichts der Rolle der Technologie bei der Verdrängung von Arbeitsplätzen wird der Protektionismus – die Kündigung von Handelsverträgen und die Verhängung von Zöllen gegen chinesische und mexikanische Waren – die hochbezahlten Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie nicht zurückbringen. Und Trump hat keinen Plan B. Dies bedeutet, dass sich die Polarisierung Amerikas, die Trump an die Macht gebracht hat, nur noch deutlich verschärfen wird.

Aus dem Englischen von Jan Doolan