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nye194_NICHOLAS KAMMAFPGetty Images_trump Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Trumps Effekt auf die US-Außenpolitik

CAMBRIDGE – Das Verhalten von US-Präsident Donald Trump auf dem jüngsten G7-Gipfel in Biarritz wurde von vielen Beobachtern als nachlässig und destabilisierend kritisiert. Andere argumentierten, dass Presse und Kommentatoren Trumps persönlichen Mätzchen, Tweets und politischen Spielchen zu viel Aufmerksamkeit schenken. Langfristig würden die Historiker diese als bloße Kavaliersdelikte betrachten. Die wichtigere Frage sei, ob sich die Trump-Präsidentschaft als bedeutender Wendepunkt in der amerikanischen Außenpolitik erweise oder als unbedeutende historische Abweichung.

Die aktuelle Debatte über Trump lässt eine langjährige Frage wieder aufleben: Sind bedeutende historische Entwicklungen das Produkt menschlicher Entscheidungen oder sind sie weitgehend das Ergebnis überwältigender struktureller Faktoren, die durch wirtschaftliche und politische Faktoren außerhalb unserer Kontrolle hervorgerufen werden?

Einige Analysten vergleichen den Fluss der Geschichte mit einem reißenden Strom, dessen Verlauf durch Klima, die Niederschläge, Geologie und Topografie bestimmt wird und nicht durch das, was dieser Strom mit sich führt. Doch selbst, wenn dem so wäre, sind menschliche Akteure keine bloßen Ameisen, die sich an einen von der Strömung dahingespülten Baumstamm klammern. Sie ähneln eher Wildwasser-Raftern, die versuchen, zu steuern und Zusammenstöße mit Felsen abzuwehren, und die dabei gelegentlich kentern und manchmal erfolgreich auf ein gewünschtes Ziel zusteuern.

Die Entscheidungen und Fehlschläge der amerikanischen Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts zu verstehen kann uns besser auf die Bewältigung der Fragen vorbereiten, die sich uns heute in Bezug auf die Trump-Präsidentschaft stellen. Politiker denken immer, dass sie es mit einzigartigen Kräften des Wandels zu tun haben, doch was gleich bleibt ist die menschliche Natur. Entscheidungen können eine Bedeutung haben; Unterlassungen können so folgenschwer sein wie aktives Handeln. Das Versäumnis der amerikanischen Regierung, in den 1930er Jahren zu handeln, trug zu einer Hölle auf Erden bei; das Gleiche gilt für die Weigerung amerikanischer Präsidenten, Atomwaffen einzusetzen, als die USA noch ein Monopol auf diese Waffen hatten.

Wurden derartige Entscheidungen durch die Situation oder die Person bestimmt? Blicken wir ein Jahrhundert zurück: Woodrow Wilson brach mit der Tradition und schickte US-Truppen zum Kampf nach Europa, aber das hätte auch unter einem anderen Präsidenten (etwa Theodore Roosevelt) passieren können. Was in Bezug auf Wilson einen großen Unterschied machte, waren der moralistische Ton seiner Begründung und – kontraproduktiv – sein stures Beharren auf Alles oder Nichts in Bezug auf den Völkerbund. Manche geben Wilsons Moralismus die Schuld für die Schwere von Amerikas Rückkehr zum Isolationismus in den 1930er Jahren.

Franklin D. Roosevelt war bis Pearl Harbor nicht imstande, die USA in den Zweiten Weltkrieg zu führen, und das hätte auch unter einem konservativen Isolationisten passieren können. Doch waren Roosevelts Einordnung der von Hitler ausgehenden Bedrohung und seine Vorbereitungen, um dieser Bedrohung zu begegnen, für die US-Kriegsteilnahme in Europa entscheidend.

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Nach dem zweiten Weltkrieg bestimmte die bipolare Struktur mit zwei Supermächten den Rahmen für den Kalten Krieg. Doch wären Stil und Timing der amerikanischen Reaktion womöglich anders ausgefallen, wäre statt Harry Truman Henry Wallace (den FDR 1944 als Vizepräsidenten ausbootete) Präsident geworden. Nach der Wahl 1952 hätte eine Präsidentschaft unter einem isolationistischen Robert Taft oder politisch aggressiveren Douglas MacArthur die relativ reibungslose Konsolidierung von Trumans Containment-Strategie stören können, der Trumans Nachfolger Dwight D. Eisenhower vorstand.

John F. Kennedy spielte eine entscheidende Rolle bei der Abwendung eines Atomkriegs während der Kubakrise und der anschließenden Unterzeichnung des ersten nuklearen Rüstungskontrollvertrags. Doch verstrickten er und Lyndon B. Johnson das Land in das unnötige und kostspielige Fiasko des Vietnamkriegs. Gegen Ende des Jahrhunderts dann verursachten strukturelle Kräfte die Erosion der Sowjetunion, und Michail Gorbatschow beschleunigte den sowjetischen Zusammenbruch. Ronald Reagans Verteidigungsausbau und Verhandlungskompetenz jedoch und George H. W. Bushs kompetentes Krisenmanagement spielten eine wichtige Rolle dabei, den Kalten Krieg zu einem friedlichen Ende zu bringen.

Anders ausgedrückt: Politische Führer und ihre Fähigkeiten sind wichtig. In gewisser Hinsicht ist das eine schlechte Nachricht, denn es bedeutet, dass man Trumps Verhalten nicht ohne Weiteres vernachlässigen kann. Wichtiger als seine Tweets ist, dass er Institutionen, Bündnisse und die Soft Power der USA schwächt, die laut Meinungsumfragen unter Trump zurückgegangen ist. Er ist der erste Präsident in 70 Jahren, der sich von der freiheitlichen Weltordnung abgewandt hat, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten. General James Mattis, Trumps zurückgetretener erster Verteidigungsminister, beklagte kürzlich die Missachtung der Bündnisse  durch den Präsidenten.

Präsidenten müssen sowohl Hard Power als auch Soft Power einsetzen und sie so kombinieren, dass sie einander ergänzen und nicht im Widerspruch zueinander stehen. Machiavellistische und organisatorische Fertigkeiten sind unverzichtbar, aber Gleiches gilt für emotionale Intelligenz, die die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle hervorbringt, und für kontextuelle Intelligenz, die Führungskräfte in die Lage versetzt, ein sich entwickelndes Umfeld zu verstehen, Trends zu nutzen und ihre sonstigen Fertigkeiten entsprechend einzusetzen. Emotionale und kontextuelle Intelligenz gehören nicht zu Trumps Stärken.

Der Führungstheoretiker Gautam Mukunda hat darauf hingewiesen, dass sorgfältig durch etablierte politische Prozesse gefilterte politische Führer tendenziell vorhersehbar sind. George H. W. Bush ist ein gutes Beispiel hierfür. Andere sind haben keinen derartigen Filter durchlaufen, und wie sie im Amt agieren, unterscheidet sich stark. Abraham Lincoln war ein relativ ungefilterter Kandidat und einer der besten amerikanischen Präsidenten. Trump, der vor der Präsidentschaft nie ein öffentliches Amt innehatte und dessen Hintergrund bei seinem Eintritt in die Politik der New Yorker Immobilienmarkt und das Reality-Fernsehen waren, hat sich als außerordentlich fähig dabei erwiesen, die modernen Medien zu steuern und sich über hergebrachte Meinungen hinwegzusetzen, und auch, was disruptive Innovation angeht. Während manche glauben, dass dies etwa in Bezug auf China positive Ergebnisse produzieren könnte, bleiben andere skeptisch.

Trumps Rolle in der Geschichte könnte davon abhängen, ob er wiedergewählt wird. Institutionen, Vertrauen und Soft Power dürften mit größerer Wahrscheinlichkeit erodieren, wenn er nicht vier, sondern acht Jahre im Amt bleibt. So oder so jedoch wird es sein Nachfolger mit einer veränderten Welt zu tun haben – teilweise aufgrund der Auswirkungen von Trumps Politik, aber auch aufgrund bedeutender struktureller Machtverlagerungen in der Weltpolitik sowohl von West nach Ost (der Aufstieg Asiens) und von Regierungen zu nichtstaatlichen Akteuren (ermöglicht durch Entwicklungen im Cyber-Bereich und die künstliche Intelligenz). Wie schon Karl Marx äußerte: Wir machen Geschichte, aber nicht unter selbstgewählten Umständen. Die amerikanische Außenpolitik nach Trump bleibt eine offene Frage.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/TWqbgho/de;
  1. sufi2_getty Images_graph Getty Images

    Could Ultra-Low Interest Rates Be Contractionary?

    Ernest Liu, et al.

    Although low interest rates have traditionally been viewed as positive for economic growth because they encourage businesses to invest in enhancing productivity, this may not be the case. Instead, Ernest Liu, Amir Sufi, and Atif Mian contend, extremely low rates may lead to slower growth by increasing market concentration and thus weakening firms' incentive to boost productivity.

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