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Wird der Dollar die Oberhand behalten?

SANTA BARBARA – Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten haben Kapitalzuflüsse den Wert des Dollars in Höhen getrieben, wie man sie seit über einem Jahrzehnt nicht gesehen hat. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob die Märkte ein massives Vertrauensvotum gegenüber dem designierten Präsidenten abgeben und dass Trump von Vorteil für die US-Wirtschaft und infolgedessen für den Dollar sein wird.

Doch der Schein kann trügen. Kurzfristige Wechselkursbewegungen sind nicht geeignet, die zugrunde liegende Stärke einer Währung zu beurteilen. Aufschlussreicher sind da schon längerfristige Trends im Hinblick darauf, wie das Geld international genutzt wird – insbesondere als Wertanlage für ausländische Anleger oder Zentralbanken. Weniger im Kontext der nächsten Wochen, aber der nächsten Jahre wird sich Trumps Wahl beinahe sicher als unvorteilhaft für den Dollar herausstellen.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Zunächst schoss der Dollar nach der Wahl lediglich deshalb nach oben, weil Trump versprach, einschneidende Steuersenkungen umzusetzen und die Ausgaben für die verfallende Infrastruktur sowie für Amerikas angeblich „ausgelaugtes“ Militär zu erhöhen. Damit wird man zwar kurzfristig das Wirtschaftswachstum ankurbeln, aber auch unweigerlich die Zinssätze in die Höhe treiben. In einer Welt, die auf attraktive Investitionsrenditen aus ist, gelang es mit einem prospektiven Trump-Boom Finanzmittel an die Wall Street zu ziehen und damit wiederum die Nachfrage nach dem Dollar steigen zu lassen.

Freilich kann ein Land, das eine international bevorzugte Währung ausgibt, generell Einfluss auf andere ausüben und es verfügt auch über einen deutlichen wirtschaftlichen Vorteil. Der Status des Dollars als vorherrschende internationale Reservewährung wurde einst vom ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing in berühmten Worten als Amerikas „exorbitantes Privileg“ beschrieben. Solange Ausländer auf den Besitz von Dollars erpicht waren, konnten die USA so viel Geld ausgeben wie sie wollten, um auf der ganzen Welt ihre Macht auszuüben. Und um alles zu bezahlen, warf man einfach die Notenpresse an.

Die Zukunft des Dollars wird allerdings davon abhängen, ob Trump Amerika wirklich „wieder groß macht.“ Gelingt es ihm, würde das die internationale Anziehungskraft des Dollars mit der Zeit stärken. Wenn er allerdings sein protektionistisches und mit dem Beigeschmack des ausländerfeindlichen Nationalismus behaftetes Versprechen des „Amerika zuerst“ einlöst, könnten sich Investoren und Zentralbanken zunehmend gezwungen sehen, alternative Anlageformen für ihre Extra-Milliarden zu finden. 

Unglücklicherweise scheint letzteres Szenario das wahrscheinlichere zu sein und es bestehen reichlich Gründe daran zu zweifeln, dass Amerikas „exorbitantes Privileg“ von Dauer sein wird.  Aus buchhaltungstechnischer Perspektive handelt es sich bei Dollars in ausländischem Besitz um Verbindlichkeiten und Beobachter waren lange besorgt, dass die USA womöglich nicht in der Lage sein werden, ihren immer weiter wachsenden „Überhang“ an Auslandsschulden unbegrenzt zu bedienen. Im Bereich der amerikanischen Dollar-Verbindlichkeiten könnte jederzeit eine Trendwende einsetzen, wenn sprunghafte Investoren auf der Suche nach alternativen Wertanlagen eine unumkehrbare Abwärtsspirale in Gang setzen. 

Ein in dieser Hinsicht unwissender Präsident, der populistischen Strategien anhängt, könnte eine derartige Spirale auslösen. Tatsächlich ließ Trump bereits während seines Wahlkampfs mit unbedachten Äußerungen die Alarmglocken schrillen, als er meinte, er würde versuchen, die US-Auslandsschulden neu zu verhandeln, indem er sie von den Gläubigern mit einem Abschlag zurückkauft. Genau das tut Trump oft, wenn eine seiner Firmen in Schwierigkeiten gerät und im Grunde würde dies einem teilweisen Zahlungsausfall bei den Staatsschulden gleichkommen. Keine Äußerung könnte besser geeignet sein, einen Rückzug aus dem Dollar zu provozieren.

Nehmen wir nun noch an, Trump will auch seine haushaltspolitischen Versprechungen umsetzen. Steuersenkungen und Ausgabenerhöhungen kurbeln das Wirtschaftswachstum vielleicht kurzfristig an, aber sie lassen auch die Staatsschulden ansteigen, wodurch weitere Zweifel hinsichtlich Amerikas langfristiger Bereitschaft oder Fähigkeit aufkommen würden, seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Ebenso wenig sollten wir Trumps Versprechen vergessen, Millionen gut bezahlter Jobs in der industriellen Fertigung durch die Verhängung von Importzöllen und die Aufhebung von Handelsabkommen wieder zurück in die USA zu bringen. Wenn sich Protektionismus wirklich auf seiner Agenda befindet, müssen wir annehmen, dass dies auch für Kapitalkontrollen gilt. Für die ausländischen Gläubiger Amerikas könnte dieser Merkantilismus Trumpscher Prägung das Fass zum Überlaufen bringen.

Keine dieser Entwicklungen bedeutet allerdings, dass ein Weltuntergangsszenario – ein unmittelbar bevorstehender Run auf den Dollar oder abrupt flüchtende ausländische Gläubiger – wahrscheinlich ist. Der Dollar hat schon haarsträubende politische Fehler früherer Administrationen überlebt und wiederholte Vorhersagen seines Ablebens Lügens gestraft.

Aufgrund seines einzigartigen und langjährigen Status als internationale Wertanlage können wir eine rasche und umfassende Flucht aus dem Dollar ausschließen. Noch kann es keine andere Währung mit dem Dollar als Investitionsmedium oder Reservewährung aufnehmen und ebenso wenig verfügen andere Länder über so außergewöhnlich effiziente Finanzmärkte wie Amerika, die ein beispielloses Maß an Liquidität bereitstellen. Der Dollar wird also vorerst der ultimative sichere Hafen für die Welt bleiben und wahrscheinlich keinen plötzlichen, tödlichen Schlag erleiden, auch wenn sich Trumps Politik als katastrophal erweisen sollte. 

Andererseits könnte der Dollar über lange Zeit langsam ausbluten, wenn Amerikas Konkurrenz im Finanzbereich versucht, ihre eigenen Währungen attraktiver zu gestalten und sie leichter zugänglich zu machen. China seinerseits macht kein Geheimnis aus seiner Intention, den Renminbi als glaubwürde Alternative zum Dollar zu etablieren. Wenn weitere Währungen Wettbewerbsfähigkeit erlangen, wird der Dollar mit der Zeit seine einzigartigen Vorteile ebenso einbüßen wie auch Amerika seine privilegierte Position. 

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Über die Zeit wird Trumps Präsidentschaft für den Dollar nicht vorteilhaft sein, weil sie auch für die US-Wirtschaft keinen Nutzen bringen wird. Im Gegenteil: wenn Trump seine Versprechen aus dem Wahlkampf umsetzt, könnte der Dollar letztlich von der Spitze der weltweiten geldpolitischen Hierarchie gestoßen werden, da eine zunehmende Zahl an Alternativen als Konkurrenz heranwächst. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier