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Trumps Fiasko

WASHINGTON, DC – Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat seine Wahlkampforganisation erneut radikal umgebaut. Damit gibt er über sich und seinen so genannten Management-Stil mehr preis, als er vielleicht möchte. In wenigen Präsidentschaftswahlkämpfen standen Chaos und Personalrochaden so offenkundig im Vordergrund.

Nun stehen zwei Personen an der Spitze seines Wahlkampftrosses, die noch nie zuvor einen Wahlkampf geleitet haben und deren politische Instinkte im Widerspruch zueinander stehen.

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Trumps neue Wahlkampfleiterin, Kellyanne Conway, ist Meinungsforscherin.

Sie erhob jahrelang Umfragedaten aus dem Mainstream der republikanischen Rechten (der rechte Flügel dieser Partei ist „Mainstream“, weil sich die Mitte im Wesentlichen aufgelöst hat).  Während der Vorwahlen der Republikaner war sie für jenes „Super-PAC“ tätig, das Trumps erbitterten Rivalen Ted Cruz unterstützte. Conway ist eine kluge, starke Parteigängerin, von der man erwartet, dass sie dem Wahlkampf ein beständiges und sensibleres Element verleiht. Behält sie die Oberhand – und Trump gelingt es, Linie zu halten – werden wir es mit einem sachlicheren republikanischen Kandidaten zu tun bekommen.

Auf der anderen Seite verheißt Trumps Entscheidung, Steven Bannon als Chef des gesamten Wahlkampfstabes zu bestellen, alles andere als Beständigkeit und Sensibilität. Vor seiner Ernennung war Bannon Vorstandsvorsitzender von Breitbart News, eines rechtsextremen, hypernationalistischen – ja von der weißen Vormachtstellung überzeugten – Internet-Mediennetzwerks. Er gilt als streitlustiger Nihilist, der keine Abgründe scheut, um den Sieg zu erringen.

Republikanern des Mainstreams blieb angesichts der Ernennung Bannons der Mund offen. Trump, der in den August-Umfragen weit hinter Hillary Clinton zurückliegt, gerät zunehmend unter Druck, näher an das Establishment der Republikanischen Partei zu rücken. Wenn es ihm nicht gelingt, einen etwas gemäßigteren Ansatz zu verfolgen, wird er die weiße Mittelschicht in den Vorstädten - eine wichtige Wählergruppe, die noch zu haben ist -  nicht für sich gewinnen können.

Doch Bannon ist kein Fan des republikanischen Establishments. Unter Bannon attackierte Breitbart News routinemäßig den republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan. Heuer im Sommer wurde Ryan Ziel der Angriffe, weil er ein ministerienübergreifendes Budget zugunsten des Programms für syrische Flüchtlinge von Präsident Obama unterstützte und weil er seine Kinder auf eine katholische Privatschule schickt. Bei den Kongressvorwahlen unterstützte das Mediennetzwerk sogar Ryans Konkurrenten aus Wisconsin, einen Anhänger Trumps, den Ryan aber mit einem Erdrutschsieg von 84:16 Prozent bezwingen konnte. 

In einem Kommentar verurteilte Breitbart News auch den republikanischen Senatsführer, Mitch McConnell, weil dieser gegenüber Clinton deshalb zu weich auftrete, um die Gunst jener Wahlkampfspender nicht zu verlieren, die sich gegen Trump aussprechen.

Wohin hat diese Zweiteilung Conway-Bannon nun geführt? Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Conway manche raue Kante Trumps abschleift. So äußerte Trump, der sich niemals entschuldigt, beispielsweise kürzlich vages „Bedauern“, weil er Menschen beleidigte.  Noch wichtiger: Trump wendet sich von seiner strikten Haltung gegen Einwanderung ab, wie etwa seinem Vorhaben, eine spezielle „Deportation Force“ einzusetzen, um alle 11 Millionen nicht registrierten Einwanderer in den USA aufzuspüren und abzuschieben.  Wohin sich Trump bewegt, bleibt allerdings ebenso unklar wie die Frage, ob ihm seine Unterstützer diesen Kurswechsel  durchgehen lassen.

Im Gegensatz dazu will Bannon Trump offenbar „Trump sein lassen.“ Er scheint Trumps Weigerung, von der polarisierenden Rhetorik im Vorwahlkampf auf einen „präsidialeren” Ton umzuschwenken, gutzuheißen. Vermutlich hofft er, Trump zu befreien, damit dieser seinen niedrigsten Instinkten folgen und Clinton im Laufe des an Fahrt gewinnenden Wahlkampfs mit Gift und Galle eindecken kann. Das wird bei der Wählerschaft, die Conway für Trump zu gewinnen versucht, allerdings nicht gut ankommen.

Es besteht wenig Grund zur Annahme, dass Trumps neuerliche Personalrochaden aus ihm einen neuen, beständigeren Kandidaten werden lassen. Bislang oszillierte er während des gesamten Wahlkampfs wild zwischen Beherrschung und Faustkampf und dies manchmal innerhalb eines einzigen Tages.

Insbesondere die Ernennung Bannons ist ein Hinweis darauf, dass Trump verzweifelt, verängstigt und verloren ist. Obwohl noch immer nicht klar ist, wie sehr es Trump wirklich auf das Präsidentenamt abgesehen hat, wissen wir, dass er es hasst, zu verlieren. 

Und dennoch versteht er offenbar weder die grundlegenden Elemente präsidentieller Politik noch den Unterschied zwischen Vorwahlen und Hauptwahlkampf. Er prahlt nach wie vor damit, alle seine republikanischen Konkurrenten aus dem Feld geschlagen zu haben, obwohl es, in Anbetracht des Ablaufs der Vorwahlen, leichter ist, 16 Rivalen zu schlagen als einen oder zwei. 

Außerdem verwechselt Trump die begeisterten Anhänger auf seinen Wahlkampfveranstaltungen mit der Wählerschaft, die den Präsidenten kürt. Er scheint nicht zu begreifen, dass die gegenüber seinen glühenden Anhängern geäußerten Botschaften auch von einer weit umfangreicheren und weniger wohlwollend gesinnten Öffentlichkeit vernommen werden. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum er in den Umfragen Mitte August so stark zurückfiel. Und deshalb tat er, was wild um sich schlagende Kandidaten oftmals tun: er wechselte das Personal aus.

Bannon trat an die Stelle Paul Manaforts, der jenen Eliten nahestand, die Bannon verachtet und der versuchte, Trumps Verbindungen zu diesen Eliten zu stärken. Der größte Fehltritt Manaforts bestand darin, den Versuch zu wagen, Trump zu ändern und den Republikanern des Mainstreams zu erzählen, er könne den Kandidaten steuern. Sogar Politiker ohne das überdimensionale Ego Trumps würden sich gegen derartige Ansinnen zur Wehr setzen. 

Zu dem Zeitpunkt, als Manafort abtrat, ignorierte Trump dessen Rat und im Wesentlichen hatte Manafort auch aufgegeben. Unterdessen wurde Manafort von seiner Vergangenheit als Berater und Lobbyist zwielichtiger Diktatoren auf der ganzen Welt eingeholt. Einmal hat er auch für den früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, einen Erfüllungsgehilfen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, gearbeitet, der nach seinem Sturz im Jahr 2014 dann auch nach Russland floh.

Das US-Justizministerium hat mittlerweile Untersuchungen zu Manaforts Lobbyisten-Tätigkeiten im Namen Janukowitschs in den USA aufgenommen. Dieser Umstand stellte eine weitere Bedrohung der Kampagne dar. Trumps einflussreiche Kinder favorisierten Manafort ursprünglich, aber das änderte sich, als dieser begann, die falsche Art von Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie etwa Fragen zu Trumps bislang ungeklärter Affinität zu Putin. Manafort hat nun zwar den Wahlkampfstab Trumps verlassen, aber seine Verbindungen zur Ukraine werden die Presse noch längere Zeit beschäftigen.

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Die Präsidentschaftswahlen 2016 sind noch nicht geschlagen und deshalb besteht immer noch die Möglichkeit, dass Trump ins Weiße Haus einzieht. Sein in den letzten Wochen eklatant zutage getretenes schlechtes Urteilsvermögen bei der Auswahl seiner Mitarbeiter ist ein weiterer Grund, warum das eine gefährliche Möglichkeit für die amerikanische Demokratie darstellt.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier