The Women's March 'Power to the Polls' Sam Morris/Getty Images

Donald Trump und die schwindende weiche Macht der USA

CAMBRIDGE – Die Beweislage ist eindeutig. Die Präsidentschaft Donald Trumps untergräbt Amerikas weiche Macht. Im Rahmen einer jüngst von Gallup durchgeführten Umfrage in 134 Ländern gaben lediglich 30 Prozent der Befragten an, eine positive Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten unter der Führung Trumps zu haben – ein Rückgang von beinahe 20 Punkten seit der Präsidentschaft Barack Obamas. Das Pew Research Center stellte fest, dass China mit einem Beliebtheitswert von 30 Prozent beinahe zu den USA aufgeschlossen hat. Und im britischen Index The Soft Power 30rutschte Amerika vom ersten Platz im Jahr 2016 auf den dritten Platz im letzten Jahr ab.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

Trumps Verteidiger erwidern, dass es auf weiche Macht nicht ankommt. Trumps Haushaltsdirektor Mick Mulvaney verkündete einen „Haushalt der harten Macht” als er die Mittel für das Außenministerium und die Behörde für Internationale Entwicklung um 30 Prozent kürzte. Für die Verfechter des Ansatzes „Amerika zuerst” ist es zweitrangig, was der Rest der Welt denkt. Haben sie Recht?  

Weiche Macht beruht nicht auf Zwang oder Zahlungen, sondern auf Anziehungskraft. Sie bindet Menschen ein anstatt Druck auf sie auszuüben. Auf persönlicher Ebene wissen kluge Eltern, dass ihre Macht größer und dauerhafter ist, wenn sie ihren Kindern solide ethische Werte vorleben anstatt auf Prügel, Geldgeschenke und versteckte Autoschlüssel zu setzen.

In ähnlicher Weise wissen politische Führer schon seit langem um die Macht, die aus der Möglichkeit entsteht, die Agenda zu bestimmen und den Rahmen einer Debatte festzulegen. Wenn ich dich dazu bringe, zu wollen, was ich will, muss ich dich nicht zwingen, zu tun, was du nicht willst. Wenn die USA für Werte stehen, denen andere folgen möchten, können sie bei Zuckerbrot und Peitsche einsparen. In Kombination mit harter Macht kann Anziehungskraft als Machtverstärker dienen. 

Die weiche Macht eines Landes speist sich hauptsächlich aus drei Quellen: seiner Kultur (wenn sie für andere attraktiv ist), seine politischen Werte wie Demokratie und Menschenrechte (wenn man sie lebt) und seiner Politik (wenn sie als legitim wahrgenommen wird, weil sie in einem Rahmen aus einem gewissen Maß an Demut und dem Bewusstsein für die Werte der anderen eingebettet ist). Das Verhalten einer Regierung im eigenen Land (Schutz der freien Presse beispielsweise), gegenüber internationalen Institutionen (Beratung mit anderen und Multilateralismus) und in der Außenpolitik (Förderung der Entwicklung und Menschenrechte) kann andere durch Vorbildwirkung beeinflussen. In allen diesen Bereichen hat Trump die Attraktivität der amerikanischen Politik verringert.  

Zum Glück ist Amerika mehr als Trump oder die Regierung. Im Gegensatz zu den Attributen harter Macht (wie Streitkräften) haben zahlreiche Ressourcen weicher Macht nichts mit der Regierung zu tun und sind nur teilweise für ihre Zwecke einsetzbar. In einer liberalen Gesellschaft kann eine Regierung die Kultur nicht kontrollieren. Tatsächlich kann die Abwesenheit einer offiziellen Kulturpolitik an sich eine Quelle der Anziehungskraft darstellen. Hollywood-Filme wie „Die Verlegerin,” in denen unabhängige Frauen und Pressefreiheit dargestellt werden, können auf andere ebenso anziehend wirken wie die karitative Arbeit amerikanischer Stiftungen oder die Vorteile der Freiheit der Wissenschaft an amerikanischen Universitäten.

Es trifft zu, dass Unternehmen, Universitäten, Stiftungen und andere nichtstaatliche Gruppen ihre eigene weiche Macht entwickeln, die offizielle außenpolitische Ziele verstärken oder ihnen entgegenstehen kann. Und alle diese privaten Quellen weicher Macht werden im globalen Informationszeitalter wahrscheinlich zunehmend an Bedeutung gewinnen. Das ist ein Grund mehr für die Regierungen sicherzustellen, dass ihre Maßnahmen und politischen Strategien weiche Macht schaffen und verstärken anstatt sie zu unterminieren und zu vergeuden.

Innen- oder außenpolitische Strategien, die auf andere scheinheilig, arrogant und gleichgültig gegenüber deren Ansichten wirken oder auf einem engen Konzept nationaler Interessen beruhen, können weiche Macht untergraben. So waren die drastischen Rückgänge der Attraktivität der Vereinigten Staaten in den Meinungsumfragen nach der Invasion des Irak im Jahr 2003 eher eine Reaktion auf die Bush-Administration und ihre Politik als auf die USA im Allgemeinen.

Der Irak-Krieg war nicht die erste regierungspolitische Maßnahme, die die USA unbeliebt werden ließ. In den 1970er Jahren protestierten viele Menschen auf der ganzen Welt gegen den US-Krieg in Vietnam und Amerikas Stellung in der Welt war Ausdruck der Unbeliebtheit dieser Politik. Als man diese Politik änderte und die Erinnerung an den Krieg verblasste, gewannen die USA einen großen Teil ihrer verlorenen weichen Macht wieder. In ähnlicher Weise gelang es den USA im Gefolge des Irak-Krieges ihre weiche Macht in den meisten Regionen der Welt wiederzuerlangen (im Nahen Osten allerdings in geringerem Maße).

Skeptiker könnten trotzdem einwenden, dass Aufstieg und Fall der weichen Macht Amerikas keine Rolle spielt, weil Länder aus Eigeninteresse mit anderen kooperieren. Dieses Argument übersieht allerdings einen entscheidenden Punkt: Kooperation ist eine Frage des Grades und der Grad der Zusammenarbeit wird durch Anziehung oder Abneigung beeinflusst. Außerdem erstrecken sich die Auswirkungen der weichen Macht eines Landes auch auf nichtstaatliche Akteure – beispielsweise indem die Rekrutierung für Terrororganisationen gefördert oder behindert wird. Im Informationszeitalter hängt der Erfolg nicht nur davon ab, wessen Armee gewinnt, sondern auch, wessen Story gewinnt. 

Eine der stärksten Quellen amerikanischer weicher Macht ist die Offenheit seiner demokratischen Prozesse. Selbst wenn eine fehlerbehaftete Politik ihre Anziehungskraft schwächt, lässt die Fähigkeit Amerikas, Kritik an seinen Fehlern zu üben und diese zu korrigieren, das Land in den Augen anderer auf einer tieferen Ebene attraktiv erscheinen. Als Demonstranten außerhalb Amerikas gegen den Vietnam-Krieg marschierten, sangen sie oftmals „We Shall Overcome”, die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Auch Amerika wird die derzeitige Phase überwinden. Angesichts der Erfahrungen in der Vergangenheit besteht durchaus Grund zur Hoffnung, dass die USA nach Trump ihre weiche Macht wiedererlangen werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/T6bfJis/de;

Handpicked to read next