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Bildung ist eine Frage der Sicherheit

LONDON – Im November sprach ich das erste Mal seit 13 Jahren wieder vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.  Mir fiel auf, wie sehr sich die Stimmung verändert hatte. Im September 2000 schien die Welt ganz anders gewesen zu sein. Damals versuchten wir die neue Sicherheitsordnung im Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer zu formulieren. Das brachte natürlich Herausforderungen mit sich. Doch während wir darüber diskutierten, wie die Armut in den Entwicklungsländern zu beseitigen sei, war die Atmosphäre entspannt, ja sogar positiv.

Diesmal war die Stimmung düster. Und die ersten Tage des Jahres 2014 verstärkten diesen Eindruck noch.  Sehen Sie sich nur die Nachrichtenübersicht eines beliebigen Tages an und Sie werden Berichte über Terrorismus und Gewalt finden, die im Namen einer falsch verstandenen Auffassung von Religion verübt werden. Manche dieser Taten werden von nicht-staatlichen Akteuren begangen, andere von staatlichen Akteuren; allen gemeinsam ist jedoch, dass sie im Kontext von Spaltung und Konflikt verübt werden, deren Ursachen in den Unterschieden des religiösen Glaubens zu finden sind.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Wir haben es hier mit dem neuen Kampf des 21. Jahrhunderts zu tun, in dem wir unterliegen werden, wenn wir nicht die Ursachen ebenso bekämpfen wie seine grässlichen Folgen.

In einem Bogen, der sich vom Fernen Osten über den Nahen Osten bis in die Straßen Europas und der Vereinigten Staaten spannt, sind wir mit einer Geißel konfrontiert, die Unschuldigen das Leben kostete, tiefe Wunden in Gemeinschaften schlug und Länder destabilisierte. Dabei haben wir es mit einer Bedrohung zu tun, die sich ständig weiterentwickelt, wächst und wandelt, um sich unserem Kampf gegen sie entgegenzustellen.

Die Extremisten, die diese Gewalt propagieren, verfügen über Netzwerke, mit denen sie junge Menschen erreichen und sie wissen um die Macht formeller oder informeller Bildung. Die Extremisten infiltrieren das Denken junger Menschen mit der Überzeugung, dass alle Andersdenkenden Feinde seien – nicht nur ihre Feinde, sondern auch die Feinde Gottes.

Die Sicherheitsdebatte konzentriert sich verständlicherweise oft auf die Folgen von Anschlägen. Nach einer Attacke denken Regierungen über unmittelbare Sicherheitsmaßnahmen nach. Die Terroristen werden gejagt. Anschließend gehen wir jedoch zur Tagesordnung über, bis der nächste Anschlag passiert.

Doch ein dauerhafter Wandel hängt vom Umgang mit den Ursachen des Extremismus ab. Natürlich spielt auch die Politik ihre Rolle. Und die Extremisten sind durchaus versiert, wenn es darum geht, politische Missstände auszunutzen. Doch der Boden, in dem sie den Samen des Hasses pflanzen, ist mit Unwissenheit gedüngt.

Aus diesem Grund müssen wir beginnen, Bildung als eine Frage der Sicherheit zu betrachten.

Die Extremisten rechtfertigen Tötungen im Namen Gottes. Das ist eine obszöne Perversion aufrichtigen religiösen Glaubens. Und es ist eine Bedrohung sowohl aufgrund des Schadens, der direkt angerichtet wird, als auch aufgrund der abträglichen Spaltungen und des Sektierertums, die damit indirekt geschürt werden.  Jede Tötung ist eine menschliche Tragödie. Doch sie begründet auch eine Kettenreaktion aus Bitterkeit und Hass. In den von diesem Extremismus heimgesuchten Gemeinschaften besteht eine reale Angst, die das normale Leben lähmt und die Menschen auseinandertreibt.

Die Globalisierung intensiviert und vervielfältigt diesen Extremismus. Ohne Beschränkungen durch Grenzen kann er überall plötzlich auftreten.  In höherem Maß als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte sind wir miteinander verbunden und immer mehr Menschen kommen in Berührung mit anderen, die anders sind als sie selbst. Die Notwendigkeit, den Nachbarn zu respektieren ist daher viel größer; doch der Spielraum, ihn oder sie als Feind zu identifizieren ist ebenfalls größer.  

Und dabei geht es nicht nur um den islamischen Extremismus. Auch gegen Muslime kommt es aufgrund ihrer Religion zu extremistischen Taten und heute gibt es fanatische Christen, Juden, Hindus und Buddhisten, die das wahre Wesen ihres Glaubens entstellen.

Im 21. Jahrhundert ist Bildung daher für uns alle eine Frage der Sicherheit. Die Herausforderung besteht darin, jungen, für die Verlockungen der Terroristen anfälligen Menschen zu zeigen, dass es bessere Möglichkeiten gibt, gehört zu werden und einen sinnvolleren Weg,  mit der Welt in Verbindung zu treten.

Die gute Nachricht ist, dass wir wissen, wie dies zu erreichen ist. Ich erwähne meine Stiftung Faith Foundation nur als ein Beispiel. Unser Schulprogramm fördert weltweit den interkulturellen Dialog zwischen Schülern im Alter von 12 bis 17 Jahren. Wir erreichen Schüler in über 20 Ländern und unser Programm verbindet sie über eine sichere Webseite, wo sie unter der Anleitung ausgebildeter Lehrer von ihren Klassenzimmern aus interagieren können.

Ermöglicht durch Videokonferenzen diskutieren die Schüler globale Fragen aus der Perspektive einer Vielzahl von Glaubensrichtungen und Überzeugungen. Dadurch erlangen sie Dialogfähigkeiten, derer es bedarf, um Konflikte durch den Abbau religiöser und kultureller Stereotypen zu verhindern. Im Fall von Schulen in den ärmsten Gegenden nutzen wir  Sonderregelungen, weil diese über keinen Zugang zum Internet verfügen.

Natürlich ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.  Doch mittlerweile verfügen wir über Erfahrungen in über tausend Schulen. Mehr als 50.000 Schüler wurden unterwiesen und wir arbeiten in so unterschiedlichen Ländern wie Pakistan, Indien, den USA, Jordanien, Ägypten, Kanada, Italien, den Philippinen und Indonesien. Ich hatte das Privileg zu sehen, wie diese Schüler einen entspannten Umgang mit Kulturen, Glaubensrichtungen und Überzeugungen lernen, die so viele Menschen auf der ganzen Welt inspirieren.  

Es gibt zahlreiche weitere fantastische Beispiele für diese Art von Projekten. Doch ihnen fehlt es an den Ressourcen, dem Gewicht und der Anerkennung, die nötig wären.

Wir müssen mobilisieren, um den Extremismus zu besiegen. Und wir müssen auf globaler Ebene agieren. Alle Regierungen müssen ihre Verantwortung ernst nehmen, junge Menschen jene Bildung zukommen zu lassen, die sie befähigt, Menschen anderen Glaubens und anderer Kulturen zu akzeptieren und zu respektieren.  

Es gibt keine drängendere Frage. Es besteht die reale Gefahr, dass religiöse Konflikte an die Stelle der ideologisch motivierten Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts treten und dies in ebenso verheerender Form.

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Es liegt an uns, den Menschen zu zeigen, dass wir über bessere Ideen als die Extremisten verfügen – nämlich voneinander zu lernen und miteinander zu leben. Das muss ein zentraler Bestandteil der Bildung junger Menschen sein.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier