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Südafrikas gewinnbarer Kampf gegen AIDS

ERFURT – Im Kampf gegen HIV/AIDS war Südafrika viele Jahre lang das perfekte Beispiel dafür, was man nicht tun sollte. Bis vor kurzem war die Antwort auf die Epidemie, die den Lebensnerv des Landes bedrohte, verhalten und tumb. Doch zeigt der im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte zunehmende Druck – von zivilgesellschaftlichen Gruppen, Medien und aufgeklärteren Politikern – endlich Ergebnisse. Eine Krankheit, die der Gesellschaft und Wirtschaft tiefen Schmerz zugefügt und die Lebenserwartung drastisch verkürzt hat, scheint auf dem Rückzug zu sein.

Doch deutet ein neuer UN-Bericht darauf hin, dass Südafrikas Kampf gegen das Virus noch lange nicht vorbei ist. Das Land hat weltweit das gravierendste HIV-Problem: Ungefähr 5,6 Millionen Bürger – über 10 % der Bevölkerung – leben aktuell mit dem Virus. Jedes Jahr werden etwa 300 000 Neuinfektionen und 270 000 Todesfälle im Zusammenhang mit Aids gemeldet. HIV/AIDS-Patienten neigen ebenfalls zu anderen Infektionen: Schätzungsweise 70 % der Südafrikaner mit AIDS erkranken ebenfalls an Tuberkulose, und man kann davon ausgehen, dass sich die Hälfte der HIV-Virusträger im Laufe ihres Lebens mit Tuberkulose infiziert. Schlimmer noch, bei einem Drittel der Schwangeren – einer äußerst stark AIDS-gefährdeten Bevölkerungsgruppe – wurde das Virus diagnostiziert, das während der Geburt an ihre Kinder weitergegeben werden kann.

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Die Grausamkeit der Krankheit und die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreitete, haben viele Südafrikaner überrascht. Wie in den Industrieländern traten HIV-Infektionen anfangs vor allem bei Blutern, sexuell aktiven schwulen Männern und bei intravenös Drogenabhängigen auf. Doch aus Gründen, die immer noch nicht vollständig geklärt sind, breitete sich das Virus in den 1990er Jahren explosionsartig in der allgemeinen Bevölkerung aus. Die Anzahl der infizierten Südafrikaner (die der Bevölkerung Dänemarks entspricht) übersteigt die der Nachbarländer Mosambik, Lesotho, Botsuana, Namibia, Swasiland und Simbabwe zusammengenommen.

Doch erstaunlicherweise haben die schnelle Ausbreitung von HIV und die steigende Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Aids die Staatschefs des Landes, insbesondere den ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki, nach dem Ende der Apartheid nicht wachgerüttelt und dazu veranlasst, bedeutsame Schritte einzuleiten. Jahrelang sah es so aus, als wollten die obersten Ebenen des regierenden African National Congress nicht wahrhaben, wie weit verbreitet HIV/AIDS war und wie sie es am besten bekämpfen konnten.

Zivilgesellschaftliche Organisationen waren nicht so selbstgefällig und setzten Gerichte, Medien und zivilen Ungehorsam ein, um für Änderungen zu werben. Obwohl sich widersprüchliche Ansichten über die Behandlung von HIV hielten, waren im Laufe des letzten Jahrzehnts zumindest in einigen öffentlichen Einrichtungen antiretrovirale Therapien verfügbar. Erst nach der Ernennung von Aaron Motsoaledi zum Gesundheitsminister 2009 entwickelte sich ein schlüssigerer und einheitlicherer Ansatz.

Das südafrikanische National Department of Health und private Gesundheitsdienste melden nun, dass die Bedingungen nicht mehr so desolat sind. Drei Ansätze haben geholfen, die Ausbreitung einzudämmen: die Bereitstellung antiretroviraler Therapien durch den Staat und die Geberagenturen; eine bessere Behandlung von Tuberkulosepatienten, die häufig auch an HIV/AIDS erkranken; und ein stark erweitertes Programm zur Prävention der Übertragung von Müttern an Kinder.

Diese Gegenmaßnahmen haben die Rate der Neuinfektionen verringert (obwohl die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, vor allem im Alter zwischen 15 und 49, insgesamt weiter steigt). Derzeit erhalten fast zwei Millionen Patienten eine antiretrovirale Behandlung und so sind die jährlichen Todesfälle im Zusammenhang mit AIDS seit 2005 um etwa 100 000 gesunken. Die Ansteckung von Neugeborenen, die einst etwa 70 000 pro Jahr betrug, ist um etwa 63 % gesunken, und die Leben von Millionen von HIV/AIDS-Kranken wurden verlängert.

Ein weiterer wichtiger Faktor war die Integration von Behandlungsplänen. Die Regierung hat ihre anfänglichen antiretroviralen Behandlungsprogramme für Erkrankte, die sie 2008 eingeführt hatte, angepasst und um Früherkennungsprogramme für Schwangere ergänzt. Neue, wirksamere Behandlungsmöglichkeiten, um der Tuberkulose vorzubeugen, vor allem den Stämmen, die gegen mehrere Medikamente resistent sind, haben auch weitergeholfen.

Es kann und muss mehr getan werden. Die Infektionen von Neugeborenen beispielsweise könnten weiter verringert werden, indem mehr schwangere Mütter dazu ermutigt werden, Kliniken für Früherkennungsscreenings und für nachgeburtliche Untersuchungen aufzusuchen.

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Doch sollte der bisherige Fortschritt anerkannt, ja sogar gefeiert werden. Die jüngsten Erfolge zeigen, dass mit politischem Willen und ausreichenden Mitteln sogar die größten Geißeln besiegt werden können – eine Lektion nicht nur für Südafrika, sondern auch für andere Staaten in Afrika und Entwicklungsländer.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann