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amico6_Abdo Essam EyeEm Getty Images_chessboard Abdo Essam/EyeEm/Getty Images

Wie sich die Konzentration des Eigentums abspielt, und warum sie wichtig ist

DUBAI – Wäre die Weltwirtschaft ein Schachspiel, stünden heute kaum noch Figuren auf dem Brett. Die meisten wären zu Zuschauern degradiert, die eine Konzentration der Macht in den Händen einer stetig schrumpfenden Zahl von Global Players beobachten. Und jetzt stelle man sich vor, dass die noch verbliebenen Schachfiguren Unternehmen sind und die Zahl ihrer letztlichen, das Sagen habenden Eigentümer weiter abnimmt. Diese Analogie charakterisiert die heutige Weltwirtschaft in grundlegender Weise.

Die die 1990er Jahre kennzeichnende Globalisierung hat die Macht multinationaler Konzerne explodieren lassen und diese in die Lage versetzt, die lokale Konkurrenz in kleineren Märkten zu vernichten. Mit dem Aufkommen der Internetwirtschaft ein Jahrzehnt später steigerten Online-Vertrieb und Netzwerkeffekte die Unternehmenskonzentration weiter und ließen Giganten wie Amazon, Google, Airbnb und Facebook entstehen.

Heute wird die Konzentration beim Unternehmenseigentum durch neue Faktoren gefördert, die letztlich eine systemische Bedrohung für die Weltwirtschaft darstellen könnten. Einer der wichtigsten ist der Niedergang der Aktienmärkte in den entwickelten Volkswirtschaften: Die Zahl der Unternehmen, die darauf zugreifen, hat sich während des vergangenen Jahrzehnts halbiert. In den meisten Märkten außerhalb Asiens gehen neue Unternehmen nicht an die Börse; in Reaktion auf größere Compliance- und Regulierungsanforderungen ziehen sich im Gegenteil einige von den Börsen zurück.

Dies geschieht trotz der Versuche der Politik während der letzten fünf Jahre, die Kapitalmärkte wiederzubeleben und Anreize für neue Börsengänge insbesondere von Technologie- und Staatsunternehmen zu schaffen. Der jüngst abgesagte Börsengang von WeWork beleuchtet den kraftlosen Zustand der heutigen Aktienmärkte. Der Börsengang von Saudi Aramco im Dezember erregte nicht nur wegen seiner Größe und symbolischen Bedeutung Aufmerksamkeit, sondern auch, weil Börsengänge selten geworden sind.

Angesichts des weltweiten Rückgangs von Börsengängen sind heute viele als „too big to fail“ eingestufte Unternehmen – also Unternehmen, deren Scheitern eine systemische Krise auslösen könnte –, keine Finanzinstitute mehr wie während der Krise von 2008, sondern in Privateigentum stehende Nicht-Finanz-Unternehmen. Doch auch bei börsennotierten Unternehmen ist die Eigentumskonzentration Realität: Laut aktuellen OECD-Schätzungen haben bei 50% der weltgrößten Aktiengesellschaften die drei größten Aktionäre jeweils zusammen eine Mehrheit inne.

Dieser Trend – der sich in den kommenden Jahren fortsetzen dürfte – untermauert ein zunehmendes Missverhältnis bei den wirtschaftlichen Eigentumsrechten zwischen Unternehmensgründern und normalen Anlegern. So wurden den Anlegern beim Börsengang von Snapchat – ein Novum in der modernen Geschichte – stimmrechtslose Aktien angeboten. Während der Börsengang einen Sturm der Entrüstung auslöste, ist Snapchat repräsentativ für die Eigentumsstrukturen bei Tesla, Uber, Amazon und anderen Großkonzernen, wo die Gründer unterschiedliche Aktiengattungen nutzen, um trotz einer Minderheitsbeteiligung die Kontrolle zu behalten.

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Zugleich bleiben die Regierungen, während die Begeisterung für Privatisierungen weltweit nachlässt, weiterhin bedeutende – und in vielen Fällen die Kontrolle ausübende – Eigentümer großer Inseln von Unternehmensvermögen. Tatsächlich hält der öffentliche Sektor an fast 10% der börsennotierten Unternehmen weltweit eine Mehrheitsbeteiligung. Die Folgen zeigen sich beim Nissan-Renault-Debakel, das die Steuerungsrisiken bei multinationalen Konzernen mit staatlicher Beteiligung beleuchtet.

Einige Anleger – wie etwa der norwegische Staatsfonds, der 2% an jedem börsennotierten europäischen Unternehmen hält – verfolgen einen diversifizierten Ansatz. Andere staatliche Anleger wie etwa der saudi-arabische Public Investment Fund halten deutlich stärker konzentrierte Beteiligungen und spielen eine aktivere Rolle bei der Unternehmensführung.

Doch nicht nur staatliche Anleger entwickeln sich zu Akteuren mit stärker konzentrierten Beteiligungen. Mit der anhaltenden Kapitalverlagerung von aktiv zu passiv gemanagten Fonds geht eine deutlich stärkere Konzentration der Portfolios der Vermögensverwalter einher. Eine aktuelle Untersuchung zweier Wissenschaftler von der Universität Harvard, Lucian Bebchuk und Scott Hirst, ergab, dass 80% des heute Investmentfonds zur Verfügung gestellten Kapitals an Vanguard, BlackRock und State Street gehen. Es wird erwartet, dass diese Akteure in zwei Jahrzehnten bis zu 40% der Stimmrechte an den S&P 500-Unternehmen ausüben werden, während ihre Verwaltungsressourcen nicht entsprechend gewachsen sind.

Die zunehmende Kapitalkonzentration in diesen Investmentfonds wirft eine Vielzahl neuer Bedenken auf, nicht zuletzt was den Wettbewerb angeht, da Vermögensverwalter über strategische Fragen in Unternehmen abstimmen, die Konkurrenten sein können. In der Luftfahrtbranche etwa halten die zehn größten institutionellen Anleger 20% der globalen Marktkapitalisierung. Schon jetzt sorgen konzentrationsbedingte Interessenkonflikte aufseiten der institutionellen Anleger und Vermögensverwalter in politischen Kreisen für Stirnrunzeln.

Zusätzlich kompliziert wird dieses Bild durch die Konzentration bei anderen Finanzmittlern. Die Aktienmärkte stehen heute nicht mehr in Gemeinschafts- oder Staatseigentum, sondern sind stattdessen überwiegend in einige große, selbstnotierte Börsengruppen gegliedert. Daher spielt sich der Wettbewerb um neue Börsennotierungen nicht zwischen nationalen Börsen, sondern zwischen einem Oligopol von Börsengruppen ab, deren letztliches Ziel weniger der Schutz der Rechte der Aktionäre börsennotierter Unternehmen und mehr die Verteidigung ihrer eigenen Aktionärsrechte ist.

Schlussendlich schlagen sich diese Trends in einer schrumpfenden Zahl von großen Konzernen und Finanzmittlern mit zunehmend konzentriertem Eigentum nieder. Während ein gewisses Maß an Eigentumskonzentration nützlich sein kann, kann diese auf der Makroebene auch negative externe Auswirkungen auf den Wettbewerb, die Vermögensverteilung und die fiskalische Transparenz haben. Auf der Mikroebene fördert das aktuelle Maß an wirtschaftlicher Konzentration weder faire Rentenerträge für die Minderheitsaktionäre noch Respekt für Verbraucherrechte.

Die Ausweitung der Definitionen der Konzerne ihres Zwecks und ihrer Verantwortlichkeiten gegenüber den Aktionären und der Fokus auf die Verwaltungsverantwortlichkeiten von institutionellen Anlegern und Vermögensverwaltern – beides Behelfe, die gegenwärtig in den Chefetagen der Konzerne und in der Politik en vogue sind – reichen nicht aus. Stattdessen bedarf es eines Fokus auf die Pflichten der Mehrheitsaktionäre gegenüber den Minderheitsanlegern. Es müssen für große Vermögensverwalter zudem stärkere wechselseitige Kontrollmechanismen und womöglich sogar Informationsbarrieren eingeführt werden.

Diese und andere Behelfe, um der Konzentration zu begegnen, sind unverzichtbar, und zwar nicht nur im Namen einer besseren Unternehmensführung, sondern auch als Reaktion auf die weltweite Protestwelle gegen die zunehmend ungerechte Verteilung des Volkseinkommens und weltweiten Vermögens.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/4NiT9Fqde;