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Theresa Mays Dreierwette

PARIS – Ein bekannter Experte und politischer Kommentator, der früher in 10 Downing Street tätig war, zeigte sich nach der Lancaster-House-Rede der britischen Premierministerin Theresa May, in der diese die Ziele ihrer Regierung für die anstehenden Verhandlungen des Vereinigten Königreiches über den Austritt aus der Europäischen Union skizzierte, beeindruckt. „Man kann nicht mehr vom ‚perfiden Albion‘ sprechen“, erklärte er mir, als ich ihn unmittelbar nach der Rede in einem Londoner Club traf. „Theresa May hat sich kristallklar geäußert: Brexit bedeutet den Austritt.“

Mein Gesprächspartner hatte beim Brexit-Referendum im vergangenen Juni für den Verbleib in der EU gestimmt, aber begrüßte wie ein Großteil des Landes Mays Rede. „Wenn Sie nach einem Bild suchen, um das heutige Großbritannien zu beschreiben, sollten Sie von ‚trotzigen Löwen‘ sprechen“, erklärte er mir, um anschließend drei zentrale Punkte zu betonen.

Zunächst einmal befände sich das europäische Modell der Integration in einer Krise, und die EU habe sich als reformunfähig erwiesen. Den Block zu verlassen – nicht wie eine Ratte, die von einem sinkenden Schiff huscht, sondern mit Stil – sei ein Beleg für britischen Realismus. Zudem habe es immer schon eine Kluft zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gegeben, weil das Projekt der europäischen Einigung primär als wirtschaftliches Projekt dargestellt worden sei, während es in Wahrheit in erster Linie ein politisches Projekt sei. Der EU-Binnenmarkt sei – wie der Eurostar, der London mit Kontinentaleuropa verbindet – nicht genug, um die Briten in Europäer zu verwandeln.

Zweitens sei ein sauberer Schnitt der EU gegenüber trotz der offensichtlichen Schwierigkeiten vermutlich deutlich einfacher als die Aushandlung einer komplexen Vereinbarung mit den verbleibenden 27 Mitgliedsstaaten, insbesondere wenn die eigene Priorität darin bestünde, die britischen Konservativen geeint und an der Macht zu halten.