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Die Mauern im August

MOSKAU – Die Meilensteine der Geschichte sind selten so schön versammelt wie in diesem Sommer. In diesem Monat vor fünfzig Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Damals erlaubte Nikita Chruschtschow, der Führer der Sowjetunion, seinem ostdeutschen Kollegen Walter Ulbricht nach einigem Zögern, zwischen Ost- und Westberlin eine Barriere zu errichten, um das Überleben des Kommunismus im gesamten sowjetischen Reich zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt waren aus Ostdeutschland bereits drei Millionen Menschen abgewandert – darunter viele der größten Talente der Region. Jeden Tag zogen Hunderte friedlich in die Zonen von Berlin, die unter der Kontrolle der USA, Großbritanniens und Frankreichs standen.

Und in diesem Monat vor zwanzig Jahren versuchten Hardliner in der Sowjetregierung, Mikhail Gorbatschow zu stürzen, der, zwei Jahre nachdem US-Präsident Ronald Reagan ihm zugerufen hatte: “Reißen Sie diese Mauer nieder”, genau dies getan hatte. Auf wundersame Weise war im Kreml ein Reformer an die Macht gekommen, der Russland in den demokratischen Westen eingliedern wollte.

Gorbatschows kompromisslose Gegner im Politbüro waren entschlossen, das hinfällige, durch die Mauer symbolisierte System aufrecht zu halten, ähnlich denjenigen, die damals beim Bau der Mauer Chruschtschow unter Druck gesetzt hatten. Aber im Jahr 1991 setzte sich die Moskauer Bevölkerung durch. Sie widersetzte sich den Putschisten und überzeugte letztlich große Teile der russischen Armee. Durch ihren Widerstand kam der Putsch zum Erliegen.

Die Berliner hatten angesichts der Macht der Sowjets keine solche Chance gehabt. Chruschtschow hatte sich Ulbrichts Meinung gebeugt, dass nur eine physische Barriere das Überleben des ostdeutschen Staates hätte sichern können. Seine Reaktion war vergleichbar damit, wie er mit der ungarischen Revolution von 1956 umgegangen war – zu einer Zeit, als er seine Führung festigen und die Hardliner des Kreml in Schach halten musste.