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Samtene Selbsttäuschung

COLLEGE STATION, TEXAS: Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 und dem relativ gewaltlosen Sturz des Kommunismus überall in Mittel- und Osteuropa sagten Optimisten ein neues Zeitalter einer Welt voller friedlicher Demokratien voraus. Die Geschichte, so schien es einigen, war an ihrem Ende angekommen. Doch die Optimisten haben sich als irregeleitet erwiesen, denn die großen und kleinen Mächte unserer Welt haben aus der Vergangenheit ihre eigenen, einander häufig widersprechenden Lehren gezogen.

Für die Amerikaner war 1989 die Bestätigung für all das, an was sie ohnehin schon glaubten. Sie hatten – durch harten Zwang und Überzeugung – den Kalten Krieg gewonnen, oder glaubten es jedenfalls. Sie sahen die Demonstranten in den osteuropäischen Hauptstädten und die Massen auf dem Platz des himmlischen Friedens, hörten ihre Rufe nach Freiheit und glaubten, dass diese Menschenmassen amerikanisch sein wollten. George H.W. Bush formulierte es so: „Wir wissen, wie man dem Menschen auf der Erde ein gerechteres und wohlhabenderes Leben sichert: durch freie Märkte, freie Rede, freie Wahlen und die Ausübung des freien Willens ohne Behinderung durch den Staat.“

Die nachfolgenden Ereignisse schienen das amerikanische Rezept zu bestätigen. Der Golfkrieg bestätigte die US-Militärmacht und die uralten Gefahren des Appeasements. Die Clinton-Ära machte eine aktive Demokratieförderung zum hauptsächlichen Instrument amerikanischer Außenpolitik, und die Administration von George W. Bush trieb diese in nie da gewesener Weise auf die Spitze.

Der Sieg im Kalten Krieg bot jeweils die Antwort. „Amerikas Entschlossenheit und die von Ronald Reagan so klar zum Ausdruck gebrachten Ideale“, so Clinton, „halfen, die Mauer zum Einsturz zu bringen.“ Welche Lehre daraus zu ziehen war, war klar: „Wir erreichen unsere Ziele durch Verteidigung unser Werte und indem wir die Kräfte der Freiheit anführen.“