0

Der Wert eines blassblauen Punktes

Melbourne: Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant schrieb im 18. Jahrhundert: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je älter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Da das laufende Jahr, in dem sich die erste Verwendung eines Teleskops zum 400. Mal jährt, zum Internationalen Jahr der Astronomie erklärt wurde, scheint dies ein guter Zeitpunkt zu sein, um über Kants erste Quelle der „Bewunderung und Ehrfurcht“ nachzusinnen. Zudem hat das Ziel des Gedenkens – um den Bürgern der Welt dabei zu helfen, „ihren Platz innerhalb des Universums neu zu entdecken“ – den beiläufigen Vorteil, uns von hässlicheren, uns unmittelbarer betreffenden Dingen abzulenken, der Schweinegrippe und der globalen Finanzkrise etwa.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Was also sagt uns die Astronomie über den gestirnten Himmel über uns?

Indem sie unser Verständnis über die ungeheure Weite des Universums erweitert hat, hat die Naturwissenschaft, wenn überhaupt, die Bewunderung und Ehrfurcht verstärkt, die wir beim Anblick einer sternklaren Nacht empfinden (sofern wir denn weit genug Abstand halten zu Luftverschmutzung und übermäßiger Straßenbeleuchtung, sodass wir die Sterne richtig sehen). Zugleich jedoch zwingt uns unserer erweitertes Wissen wohl mit Sicherheit, anzuerkennen, dass unser Platz innerhalb des Universums nicht besonders bedeutsam ist.

In seinem Essay „Dreams and Facts“ schrieb der Philosoph Bertrand Russell, dass unsere gesamte Milchstraße ein winziges Fragment des Universums sei, unser Sonnensystem innerhalb dieses Fragments ein „ein winzig kleiner Fleck“ und unser Planet innerhalb dieses Flecks ein „mikroskopisch kleiner Punkt“.

Heute müssen wir nicht mehr mit derartigen verbalen Beschreibungen der Bedeutungslosigkeit unseres Planeten vor dem Hintergrund unserer Galaxie vorlieb nehmen. Der Astronom Carl Sagan schlug vor, die Weltraumsonde Voyager solle ein Bild der Erde machen, wenn sie den äußeren Rand unseres Sonnensystems erreiche. Das tat sie im Jahre 1990; die Erde erscheint auf dem grobkörnigen Bild als ein blassblauer Punkt. Wenn Sie YouTube aufrufen und dort nach „Carl Sagan Pale Blue Dot“ suchen, können Sie sie sehen und Sagan selbst zuhören, der uns mahnt, wir sollen unsere Welt in Ehren halten, da alles, was Menschen je wertschätzten, nur auf diesem kleinen, blassblauen Punkt existiert.

Dies ist eine bewegende Erfahrung, aber was sollten wir daraus lernen?

Russell formulierte manchmal so, als zeige die Tatsache, dass wir ein bloßer Fleck in den unendlichen Weiten des Universums sind, dass wir eigentlich bedeutungslos seien: „Auf diesem Punkt krabbeln jeweils für einige Jahre winzige Klumpen aus unreinem Kohlenstoff und Wasser von komplizierter Struktur und mit etwas ungewöhnlichen physikalischen und chemischen Eigenschaften herum, bis sie wieder in die Elemente aufgelöst werden, aus denen sie zusammengesetzt sind.“

Doch ist aus der Größe unserer planetarischen Heimat keine derart nihilistische Sicht unserer Existenz abzuleiten, und Russell selbst war kein Nihilist. Er war der Ansicht, dass es wichtig sei, sich der Tatsache unseres bedeutungslosen Platzes innerhalb des Universums zu stellen, weil er nicht wollte, dass wir mit der behaglichen Illusion eines Glaubens leben, dass die Welt irgendwie unseretwegen geschaffen worden sei und wir uns in der wohlmeinenden Obhut eines allmächtigen Schöpfers befänden. „Dreams and Facts“ schließt mit den ergreifenden Worten: „Niemand ist von Furcht befreit, der es nicht wagt, seinen Platz auf der Welt so zu sehen, wie er ist; niemand kann die Größe, zu welcher er fähig ist, erreichen, bis er es sich selbst gestattet, seine eigene Kleinheit zu sehen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt in mit Atomwaffen gerüstete Lager gespalten war, die einander mit gegenseitiger Vernichtung drohten, vertrat Russell eben nicht die Ansicht, aus unserer Bedeutungslosigkeit – vor dem Hintergrund der enormen Weite des Universums betrachtet – folge, dass das Leben auf der Erde unwichtig sei. Im Gegenteil: Er machte die nukleare Abrüstung für den Rest seines Lebens zum zentralen Fokus seiner politischen Aktivitäten.

Sagan vertritt eine ähnliche Ansicht. Zwar, so erklärt er, mindere eine Sicht der Erde als Ganzer die Bedeutung von Dingen wie den nationalen Grenzen, die uns trennen, aber sie unterstreiche auch „unsere Verantwortung, gütiger mit einander umzugehen und den blassblauen Punkt, die einzige Heimat, die wir je kannten, zu bewahren und in Ehren zu halten.“ Al Gore verwendete das Bild mit dem blassblauen Punkt am Ende seines Films Eine unbequeme Wahrheit , um zu suggerieren, dass wir, wenn wir diesen Planeten zerstören, nirgends woanders hinkönnen.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Das stimmt vermutlich, auch wenn die Wissenschaftler heute andere Planeten außerhalb unseres Sonnensystems entdecken. Vielleicht werden wir eines Tages feststellen, dass wir nicht die einzigen intelligenten Wesen im Universum sind, und vielleicht werden wir mit diesen Wesen Fragen einer artenübergreifenden Ethik diskutieren können.

Was uns zurückbringt zu Kants zweitem Objekt der Bewunderung und Ehrfurcht, dem moralischen Gesetz in uns. Was würden Wesen mit ganz anderen evolutionären Ursprüngen als den unseren – vielleicht nicht einmal auf Kohlenstoff basierende Lebensformen – wohl von unserem moralischen Gesetz halten?