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Vom Ge- und Missbrauch wirtschaftlicher Ideologien

LONDON: Von John Maynard Keynes stammt das berühmte Zitat: „Die Ideen der Ökonomen und Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als man im Allgemeinen glaubt. Praktische Menschen, die sich selbst für relativ immun gegenüber geistigen Einflüssen halten, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen.“

Doch ich vermute, dass eine größere Gefahr ganz woanders lauert – bei den praktischen Männern und Frauen in den politischen Entscheidungsgremien der Zentralbanken, Regulierungsbehörden, Regierungen und Risikomanagementabteilungen der Finanzinstitute, die sich tendenziell zu vereinfachten Versionen der vorherrschenden Ansichten von Ökonomen hingezogen fühlen, die in der Tat noch quicklebendig sind.

Tatsächlich setzte sich zumindest im Bereich der Finanzökonomie in den Jahren vor der Finanzkrise eine Vulgärversion der Gleichgewichtstheorie durch, die die Marktvervollständigung als Heilmittel für alle Probleme und die von jeder philosophischen Einsicht abgekoppelte mathematische Verfeinerung als Schlüssel zu einem wirksamen Risikomanagement ansah. Organisatoren wie etwa der Internationale Währungsfonds in seinen Global Financial Stability Reviews (GFSR) verkündeten selbstbewusst die Botschaft von einem sich selbst in den Gleichgewichtszustand bringenden System.

Und so kam es, dass nur 18 Monate vor Ausbruch der Krise der GFSR vom April 2006 lobend „ein wachsendes Erkennen“ vermerkte, „dass die Streuung der Kreditrisiken auf eine breiter angelegte und stärker diversifizierte Gruppe von Investoren … dazu beigetragen hat, die Widerstandsfähigkeit des Banken- und breiteren Finanzsystems zu stärken. Die stärkere Widerstandsfähigkeit lässt sich am Rückgang der Zahl der Bankenzusammenbrüche und der beständigeren Kreditbereitstellung erkennen.“ Die Marktvervollständigung war, um es mit anderen Worten zu sagen, der Schlüssel zu einem sichereren System.