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Die Vergewaltigungskultur der US-Streitkräfte

NEW YORK – Wenn Menschen auf aller Welt darüber nachdenken, warum Vergewaltigungen stattfinden, entwickeln sie in der Regel ein oder zwei Modelle. Entweder passiert es wie aus heiterem Himmel und trifft eine Frau, die das Pech hat zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein (ein isoliertes, mysteriöses Ereignis, ausgelöst durch die plötzliche psychische Störung eines einzelnen Mannes) oder die Vergewaltigung wird durch irgendeine Form von verführender Grenzüberschreitung durch das Opfer „erklärt“ (das falsche Kleid, ein unangebrachtes Lächeln).

Als amerikanische Feministinnen in den 1970er-Jahren anfingen, sexuelle Gewalt zu erforschen, haben sie den Begriff einer „rape culture“, auf Deutsch „Vergewaltigungskultur“, geprägt. Allerdings hat dieses Konzept im Bewusstsein der breiten Masse kaum Eindruck hinterlassen.

Der Gedanke, dass es Systeme, Institutionen und Einstellungen gibt, die Vergewaltigungen eher fördern und Vergewaltiger eher schützen, ist für die meisten Menschen, wenn er ihnen überhaupt gekommen ist, immer noch nebensächlich.

Das ist eine Schande, denn in letzter Zeit hat es zahlreiche Beispiele für die tragischen Folgen einer Vergewaltigungskultur gegeben. Berichte über weit verbreitete sexuelle Gewalt in Indien, Südafrika und unlängst Brasilien haben endlich eine seit langem überfällige, systemische Untersuchung darüber ausgelöst, wie diese Gesellschaften Vergewaltigung möglicherweise begünstigen; nicht als entfernte Möglichkeit im Leben der Frauen, sondern als allgegenwärtige, lebensverändernde, tägliche Quelle der Angst.