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Schönheitswettbewerb ums Weiße Haus

NEW YORK – Was für einen Sinn hat eine TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten? Im Kontext der amerikanischen Präsidentschaftswahlen ist die Bezeichnung „Debatte“ etwas irreführend. Als der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy seinem sozialistischen Herausforderer François Hollande begegnete, das war eine Debatte – es wurden wichtige Fragen angesprochen, und das Ganze dauerte über zwei Stunden. Dagegen sind die Debatten der Präsidentschaftskandidaten in den Vereinigten Staaten eher wie inszenierte Auftritte, bei denen die Antworten auf alle möglichen Fragen endlos mit Teams von Trainern und Beratern geprobt wurden.

Die Kandidaten in den US-Debatten wenden sich an sorgfältig ausgewählte Journalisten, die selten bei einer Frage noch einmal nachhaken. Zudem wird die Leistung der Kandidaten weniger auf die Substanz ihrer Argumente hin durchleuchtet als im Hinblick auf ihre Präsentation, Körpersprache, Gesichtszucken, unbedachtes Seufzen, Lächeln, spöttisches Grinsen und unabsichtliches Augenverdrehen. Wirkt der Kandidat wie ein Snob oder wie ein netter Typ, dem man vertrauen kann? Sieht das Lächeln echt oder falsch aus?

Diese „Optik“ kann von großer Bedeutung sein. Schließlich sagt man, dass Richard Nixons Wahlkampf gegen John Kennedy 1960 im Fernsehen verloren wurde: Kennedy sah lässig und gut aus, während Nixon finster in die Kamera blickte, wobei ihm der Schweiß durch die Bartstoppeln rann. In den TV-Debatten gegen Ronald Reagan 1980 wirkte Jimmy Carter selbstgefällig und humorlos und Reagan wie ein netter alter Onkel. Carter verlor.

Im Jahr 2000 konnte Al Gore sich nicht entscheiden, welche Rolle er in seinen Debatten gegen George W. Bush spielen wollte, deshalb sah er verschlagen und unglaubwürdig aus und wechselte zwischen arrogant und belehrend hin und her. Er hatte die besseren Argumente, aber trotzdem verlor er die „Debatten“ (und die Wahlen).