0

Zidanes Tragödie

Wen die Götter strafen wollen, dem erfüllen sie seine Wünsche. Vielleicht denkt Zinedine Zidane heute über diese kleine griechische Weisheit nach. Nach seiner Ankündigung, dass er seine berufliche Karriere mit der Weltmeisterschaft beenden würde, ging Zidanes Wunsch in Erfüllung. Nachdem Frankreich die erste Runde des Turniers kaum überstanden hatte, zeigte sich Zidane in Topform und führte die Mannschaft an den Rand eines zweiten Weltmeistertitels. Doch anstatt seine Karriere siegreich oder zumindest unter Beifall zu beenden, bekam er beim Endspiel einen Platzverweis, weil er einem italienischen Spieler einen Kopfstoß verpasst hatte. In der Geschichte des Fußballs hat es wenige so tragische Momente gegeben.

Egal, welche Provokation zu Zidanes Verhalten geführt hat (wahrscheinlich eine rassistische Bemerkung), seine gewalttätige Handlung, die auf der ganzen Welt zu sehen war, hat sein Bild beschmutzt. Das traurige Paradox ist, dass ihn nun für alle Zeit eine aggressive Tat auszeichnet, obwohl die Welt von seiner legendären Liebenswürdigkeit als Person gelernt und diese gefeiert hat.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Eigentlich erklärt Zidanes Status als symbolhafter Meister des am weitesten verbreiteten und beliebtesten Sports der Welt nicht vollkommen, warum die Menschen so von ihm besessen sind. Ebenso wie sein Talent und seine technischen Kunststücke auf dem Feld trugen seine menschlichen Qualitäten dazu bei, seine Popularität zu etablieren.

Fußball war schon immer so. Für die Argentinier verkörperte der kleine Diego Maradona die Rache der Schwachen und Benachteiligten. Deshalb entschuldigten seine Landsleute immer wieder sein häufig schlechtes Benehmen. Ebenso wurde Pelé zum Symbol eines Brasiliens, in dem verschiedene Rassen harmonisch zusammenlebten.

Zidane hatte keines dieser romantischen Bilder anzubieten. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass er nach dem Ende seiner Karriere Sport-Funktionär in seiner Disziplin wird – wie Jean-Claude Killy, der ehemalige Alpin-Skirennfahrer, der bei den Olympischen Winterspielen 1992 Vizepräsident war, oder sein Kollege, die Fußballlegende Michel Platini, der bei der Koordination der Weltmeisterschaft 1998 mitwirkte. Schließlich hat sich Zidane, wohl der beste Fußballspieler der Welt, mit einer Geste verabschiedet, die in jedem Spiel fehl am Platz ist.

Trotzdem wird Zidane eine globale Ikone bleiben, was er seinem zutiefst menschlichen Charakter und seiner ausgesprochenen Einfachheit zu verdanken hat. Er ist ein Mann, der in den entlegensten Winkeln des Planeten bekannt ist und sich dennoch das Auftreten und die Diskretion eines ruhigen Nachbarn bewahrt hat. Zu einem Zeitpunkt, als in Frankreich über Integration diskutiert wurde, stellte Zidane das Ideal des Erfolgs durch Talent und harte Arbeit dar – wobei er sich selbst und seiner algerischen Herkunft immer treu geblieben ist.

Darüber hinaus verkörperte Zidane Werte, die heutzutage bedroht erscheinen, an denen einfache Leute jedoch hängen: Loyalität gegenüber der Familie, Fleiß und Kooperationsbereitschaft. Er ist ein Mann, der nicht nur Weltmeister war, sondern auch ein beispielhafter Sohn und Vater. Die fast schüchterne Art, wie er nach Frankreichs Sieg über Spanien seiner Liebe zu seiner Mutter Ausdruck verlieh, hat die Zuschauer auf der ganzen Welt bewegt.

Um Zidanes Beliebtheit zu verstehen, muss man nur seine Bescheidenheit und Aufmerksamkeit anderen gegenüber mit der Arroganz und Gleichgültigkeit vergleichen, die das Verhalten so vieler anderer Berühmtheiten prägen, einschließlich Fußballspielern. Zu einer Zeit, in der in Frankreich wie in der übrigen Welt die Kluft zwischen Elite und einfachen Leuten größer denn je war, in der die weniger Begünstigten die Selbstgefälligkeit der Wohlhabenden auf so grausame Weise zu spüren bekamen wie nie, wurde Zidane, der Sohn verachteter Immigranten, zu einem internationalen Star und bewahrte dennoch die Einfachheit seiner Herkunft.

Fake news or real views Learn More

Dafür wurde Zidane nicht nur bewundert, sondern auch respektiert. Sein Erfolg bedeutete nie einen Nachteil für andere. Im Gegenteil, er engagiert sich für wohltätige Zwecke, z. B. in der Hilfe für kranke Kinder. Es liegt auf der Hand, dass er eines Tages ein fantastischer Botschafter für den Frieden oder für Kinder hätte werden können, der für die Vereinten Nationen oder eine andere internationale Organisation gearbeitet hätte.

Doch jetzt ist der Held gefallen. Zidane war nicht Superman, sondern ein Mensch. In einem einzigen Augenblick unergründlicher Wut, wurde sein Moment des Ruhmes in einen Moment des Wahnsinns und einen Fluch umgewandelt. Seine Tragödie ist letzten Endes eine persönliche. Trotzdem wäre es ein großer Verlust – der weit über die Welt des Fußballs hinausreichen würde –, wenn Zidanes schändlicher Abgang als Spieler sein Vermächtnis als Mensch bestimmen würde.