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Der Dritte Weg: ein Nachruf

Im letzten halben Jahrhundert wurde sichtbar, wie in vielen Teilen der Welt die von Ideologien beherrschte Politik sich ihrem Ende zuneigt. Es begann mit dem apokalyptischen Zusammenbruch des Faschismus´, als Hitler mit seinem persönlichen Suizid auch das Deutsche Reich mit sich in den kollektiven Selbstmord trieb. Dem Niedergang des Faschismus´ folgte nach dem Tode Stalins und Chruschtschows Aufdeckung von Stalins Verbrechen die allmähliche Auflösung des Kommunismus´. Mit den fehlgeschlagenen Revolutionen in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 deutete sich der letztendliche Zusammenbruch des Sowjetreiches 1989 schon im Voraus an.

Während diese Pseudoreligionen zusammenbrachen, beherrschte die eher wohlwollende Ideologie der Sozialdemokratie weite Teile Europas. Im Zentrum dieser Ideologie stand die Auffassung, dass der Staat sowohl für stabiles Wirtschaftswachstum als auch für soziales Wohl sorgen kann, um die negativen Nebenwirkungen der freien Marktwirtschaft aufzufangen. Nicht jeder schloss sich dieser Theorie an, doch die klassische Sozialdemokratie war für mehrere Jahrzehnte die stärkste politische Kraft des Westens. Die Christdemokraten und sogar konservative Parteien übernahmen ihre Lehren.

Doch Anfang der achtziger Jahre hatte sich die Sozialdemokratie erschöpft. Sie war einfach zu erfolgreich gewesen, um weiterhin eine treibende Kraft für Veränderungen darzustellen. Außerdem brachte sie neue starre Strukturen mit sich, vor allem eine übermäßige Bürokratisierung, und das tödliche Phänomen der siebziger Jahre, "Stagflation" genannt - wirtschaftliche Stagnation und eine hohe Arbeitslosigkeit gepaart mit einer galoppierenden Inflation.

Die Reaktion auf diese Malaise erfolgte prompt, und sie hatte auch einen Namen - oder besser zwei: Ronald Reagan und vor allem Margaret Thatcher. Der sogenannte "Thatcherismus" war eigentlich keine Ideologie im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Bauchreaktion auf die stagnierenden Siebziger und ein Versuch, die bürokratische Zwangsjacke des Staates zu lockern und aufzuzeigen, dass nicht alles, was dem Wohlwollen des Staates entsprang, auch gut war. Selbst das Wort "neoliberal" stellt eine Übertreibung der intellektuellen Zusammenhänge dieser Gegenkraft dar.