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Der Talmud und die griechischen Schulden

BUENOS AIRES – Den majestätischen und furchteinflößenden Berg griechischer Staatsschulden kann man auf zwei Arten betrachten. Die erste Perspektive ist der kurzfristige und pragmatische Versuch, irgendwie eine geordnete Umstrukturierung zu erreichen (vielleicht auch für andere europäische Staaten), ohne die Eurozone als Ganzes zu Fall zu bringen. Und dann ist da die “moralische” Perspektive, die sich mit der Natur von Schulden beschäftigt, und mit den langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Nichtbeachtung.

Keine der beiden Perspektiven ist falsch. Im Gegenteil, das Problem besteht darin, wie sie miteinander in Übereinstimmung gebracht werden können. Dass dies nicht gelingt, ist eine Erklärung dafür, warum die offiziellen Antworten auf die griechische Schuldenkrise so unangemessen erscheinen.

Unter diesen Umständen könnte der Talmud, diese uralte jüdische Sammlung rechtlicher Kommentare – und eine der ältesten Quellen menschlicher Gedanken zu Moral und wirtschaftlicher Tätigkeit – die Lösung bringen. Eine oft zitierte Textstelle eröffnet eine frische, wenn auch nicht wirklich neue Perspektive auf die griechischen Schulden und die beste Art, mit ihnen umzugehen.

Darin geht es um Verkäufe, Scheidungen und Angebote, und es heißt, dass diese nur dann rechtsgültig sind, wenn sie freiwillig durchgeführt werden. Trotzdem sollen Gerichte unter bestimmten Umständen die Möglichkeit haben, Druck auf Individuen auszuüben, um sie zu dieser Freiwilligkeit zu bewegen.