Paul Lachine

Kreml: Wackelt der Schwanz mit dem Hund?

MOSKAU: Man stelle sich einen Sonderling vor, der versucht, sich als russischer Baron aus dem 19. Jahrhundert auszugeben. Er lässt sich Koteletten wachsen, trägt einen langen Gehrock und einen Spazierstock. Jeder, der so jemandem begegnet, würde grinsen und ihn veralbern. Und nun stelle man sich vor, derselbe Spinner versuche, die Passanten zu behandeln, als wären sie seine Leibeigenen. In diesem Fall würde er eine Tracht Prügel riskieren, auch wenn vielleicht einige Bettler seinen Fantasien nachgeben würden in der Hoffnung, ihn dabei um sein Geld zu erleichtern.

Etwas Derartiges kennzeichnet heute die Beziehungen zwischen Russland und mehreren früheren Sowjetrepubliken – denn die außenpolitische Doktrin, die den heutigen Kreml leitet, ist eine groteske Mischung aus der Realpolitik des 19. und der Geopolitik des frühen 21. Jahrhunderts. Laut dieser Sichtweise braucht jede Großmacht Satellitenstaaten. Die Erweiterung der NATO wird bei diesem Ansatz als Ausweitung der amerikanischen Einflusssphäre, natürlich auf Kosten Russlands, dargestellt.

Um seinen wachsenden Minderwertigkeitskomplex zu kompensieren, hat Russland die Organisation de Vertrags für Kollektive Sicherheit (OVKS) zusammengeschustert, die von ihrem Namen und den Grundsätzen ihrer Satzung her eine Parodie der NATO darstellt – wobei es den Kreml nicht im geringsten verlegen macht, dass die OVKS im Wesentlichen eine mechanische Verbindung bilateraler Militärabkommen zwischen Weißrussland, Armenien, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan und Russland ist.

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