1

Der Schatten des Halbmonds

NEW YORK – Während Pakistan in seiner existenziellen Krise versinkt, tritt eine grundlegende Frage zum Wesen des Landes in den Vordergrund: Sind die Bürger des Landes Pakistaner, die zufällig Muslime sind, oder sind sie Muslime, die zufällig Pakistaner sind? Was kommt zuerst, Fahne oder Glaube?

Diese Frage ist für viele Pakistaner nicht so leicht zu beantworten: Die große Mehrheit der sogenannten „gebildeten Elite“ des Landes scheint sich bedenkenlos in erster Linie als Muslime und erst in zweiter Linie als Pakistaner zu sehen. Einige haben das Gefühl, dass Religion das Wichtigste für sie ist und ihre Loyalität immer zuerst ihr gehören wird. Andere geben zu, wenig Achtung für die Religion zu haben, meinen jedoch, dass Pakistan ihnen mittlerweile so wenig bedeutet, dass ihre Religion ihre Loyalität zum Land verdrängt hat.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Die selbst bei den Hochgebildeten vorhandene Bereitschaft, den Staat Gott unterzuordnen, bildet den Kern der pakistanischen Krise. Wie soll ein Land florieren, wenn die Mehrheit seiner Bürger sich erst in zweiter Linie dem Staat gegenüber zur Treue verpflichtet fühlt? Wie kann es Fortschritte machen, wenn „die Idee von Pakistan schwächer ist als die Pakistaner“, wie der bekannte Autor M. J. Akbar schrieb.

Doch was ist die Idee von Pakistan?

Damals, in den stürmischen Tagen der 1940er Jahre, mobilisierte Mohammed Ali Jinnah ein Volk zur Gründung eines Nationalstaats. Trotz seines anglophonen Status und seiner viktorianischen Umgangsformen steckte er ein separates Heimatland für Indiens Muslime ab. Doch wäre es heute für einen belesenen, westlich orientierten Anwalt wie Jinnah, der kein Wadhera oder Jagirdar ist, unmöglich, in Pakistan eine Wahl durch das Volk zu gewinnen.

Denn der echte Jinnah ist heute unbedeutend in dem Land, das ihn als „Quaid-e-Azam“ (Gründer der Nation) verehrt. Nur wenige Pakistaner haben die Zeit dazu oder sind geneigt, über die Ideen ihres Staatsgründers nachzudenken. Jinnahs Vorstellung von Pakistan – der südasiatische muslimische Nationalismus – wurde vom Dogma des islamischen Universalismus überrollt.

Die moderne pakistanische Identität beruht großenteils auf der Ablehnung einer indisch-hinduistischen Identität und der Annahme einer globalen panislamischen Charta. Wirtschaftlicher Fortschritt wird als Verwestlichung oder, schlimmer noch, als Indianisierung aufgefasst. Überall scheinen die Pakistaner sich eher als Brüder im Islam zu vereinen denn als Söhne desselben Landes.

Darüber hinaus hat Pakistans Angst vor Herabsetzung und Scheitern eine zunehmend paranoide Variante des Islams entstehen lassen, die bestrebt ist, strengere Kontrollen durchzusetzen – bei Bildung, Frauenrechten, Tanz, Bartlosigkeit und Sex – und die Gesellschaft von allen Formen der Modernität abzuschotten. Dieser paranoide Islam, der von Hardliner-Einheiten wie den Tablighi Jamaat vertreten wird, ist Pakistans am schnellsten wachsende Glaubensrichtung.

Pakistan befindet sich derzeit an einem Scheideweg und sieht sich mit einer unangenehmen Stunde der Wahrheit konfrontiert. Um zu überleben, müssen seine Bürger gemeinsam handeln, oder sie laufen Gefahr, dass jede gemäßigte Tendenz im Land vom Lärm der intoleranten, religiösen Stimmen vertrieben wird.

Die aktuelle Krise ruft jeden denkenden Pakistaner dazu auf, sich ernsthafte Fragen über sich selbst zu stellen: Auf welcher Idee sollte Pakistan beruhen? Sind Sie Pakistaner, die zufällig Muslime, Christen oder Hindus sind? Oder sind Sie Mitglieder einer globalen islamischen Umma , die nur zufällig in Karachi oder Lahore leben?

Die wirkliche Herausforderung – und endgültig Lösung – besteht darin, die Menschen dazu zu bewegen, über diese Fragen nachzudenken und darüber zu sprechen. Doch muss es sich dabei um eine Debatte zwischen den Menschen und im Innern der Menschen handeln. Nichts wird gelöst, indem man nach dem „wahren Islam“ sucht oder den Koran zitiert.

Es geht darum, dass sich die Mehrheit am Ende trotz starker regionaler Loyalitäten und verschiedener kultureller und religiöser Unterschiede damit identifizieren kann, einfach „Pakistaner“ zu sein – auch wenn sich ihre Ansichten darüber, was das bedeutet, vielleicht drastisch voneinander unterscheiden. Die wahre Idee von Pakistan muss letztendlich die Vielfalt sein.

Heute verstehen wir uns als eine Mischung; häufig widersprüchlich und im Innern unvereinbar. In der Baburnama z. B. sehen wir die inneren Widersprüche in der Persönlichkeit des Gründers des Mogulreiches. In der Beschreibung seiner Eroberung von Chanderi 1528 nennt Babur grausame Einzelheiten über das blutrünstige Abschlachten vieler „Ungläubiger“, doch nur wenige Sätze später spricht er ausführlich über die Seen, fließenden Ströme und süßen Gewässer von Chanderi. Wer also war Babur, ein blutdürstiger Tyrann, ein humanistischer Poet oder beides – und nicht unbedingt uneins miteinander?

Fake news or real views Learn More

Pakistans Selbstverständnis muss so weit wie möglich ausgedehnt und so umfassend werden, dass es seine Pandschabis, Sindhis, Paschtunen und Belutschen und ihre Religionen einschließt: Sunniten, Schiiten, Hindus, Christen, Parsen, Ahmadis. Bis es möglich ist, sie alle gleichermaßen „Pakistaner“ zu nennen. Das muss das endgültige Ziel sein und der erste Schritt im langen, verworrenen Kampf zur Rettung Pakistans.

Das ist eine nationale Idee, für die es sich zu kämpfen lohnt – und Pakistans Intellektuelle, seine Elite und seine Jugend müssen dabei an vorderster Front stehen. Der Halbmond hat einen scheinbar unendlich großen Schatten über das gesamte Pakistan geworfen. Seine Tragödien und Schwächen sind das Ergebnis dessen, was in Gottes Namen geschieht, nicht in Jinnahs. Um Pakistan zu retten, müssen Jinnahs Geist und seine verstaubten Ideale wieder erneuert werden, und die Pakistaner müssen sich selbst fragen, was Pakistan wirklich bedeutet.