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Schöne neue Zellen?

LONDON – Die britische Human Fertilization and Embryology Authority (HFEA) hat eine öffentliche Konsultation gestartet, um die Einstellung zu kontroversen, neuen medizinischen Verfahren zu erforschen, die auf die Vorbeugung der Übertragung unheilbarer Krankheiten durch Mutationen von Zellstrukturen mit der Bezeichnung Mitochondrien abzielen. Unterstützer solcher Forschungen sehen die Kritik daran so, als sei sie gegen den Schutz des Lebens von Kindern gerichtet und wolle den wissenschaftlichen Fortschritt verhindern. Aber dabei übersehen sie einen wichtigen Faktor in der Debatte: Die entwickelten Techniken beinhalten dauerhafte genetische Veränderungen, die an zukünftige Generationen weitergegeben werden.

Die Mitochondrien sind die Energie produzierenden “Batterien” der Zelle und enthalten die einzige außerhalb des Zellkerns vorhandene DNA – 37 Gene oder etwa 0,2% der gesamten genetischen Ausstattung eines Menschen. Diese Gene sind in der Eizelle enthalten und werden daher nur durch die Mutter vererbt. Im Rahmen der neuen Techniken wird nun versucht, die mutierten Mitochondrien der Mutter durch diejenigen einer weiblichen Spenderin von Eizellen ohne Mutation zu ersetzen. Das Ergebnis sind Embryos, die genetisches Material von drei Menschen enthalten – von Mutter und Vater des Kindes und von der Spenderin der Eizelle.

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Die wirkliche Frage ist also, wie die Öffentlichkeit dazu eingestellt ist, die Grenze zwischen medizinischer Behandlung bestehender Personen und den unwiderruflichen, genetischen Veränderungen zu überschreiten, die durch Genmanipulation der menschlichen Keimbahn (der Sequenz von Keimzellen wie Spermien und Eizellen, die das ggfs. von einem Kind geerbte genetische Material enthält) an zukünftige Generationen weitergegeben würden.

Trotz der guten Absichten, die hinter der mitochondrialen Forschung stehen, nimmt die internationale Besorgnis über die Auswirkungen des Bruchs dieser Barriere zu. Tatsächlich halten nicht nur die meisten Wissenschaftler und Regierungen weltweit die genetische Veränderung der menschlichen Keimbahn für unannehmbar. In über 40 Ländern, darunter auch in Großbritannien, ist sie sogar explizit verboten. Daher haben Experten in den Vereinigten Staaten, Kanada, Deutschland, Israel und anderswo auf die Aussicht, Großbritannien könne den Konsens über den Verbot solcher Techniken unilateral aufweichen, kritisch reagiert.

Mutationen bei Mitochondrien können ernste Folgen wie Epilepsie, Leberversagen, Diabetes und Kardiomyopathie haben. Aber obwohl die Anzahl der Menschen, die von solchen Mutationen betroffen sind, schätzungsweise zwischen einem von 200 und einem von 400 liegt, führen Mutationen in den meisten Fällen nicht zu ernsthaften Krankheiten. Da die schädlichen Veränderungen oft nur in auf niedrigen Ebenen vorhanden sind, und da eine einzelne Zelle sowohl mutierte als auch normale Mitochondrien enthalten kann, wird allgemein angenommen, dass nur eine von 5.000 oder gar 10.000 Personen von einer mitochondrialen Krankheit betroffen sein wird.

Trotz dieser relativ niedrigen Häufigkeit hat der Wellcome Trust (eine Organisation für die Verbesserung der Gesundheit von Menschen und Tieren) kürzlich 4 Millionen Pfund (4,9 Millionen Euro) an Wissenschaftler der Universität von Newcastle gespendet, um ein Zentrum für die Mitochondrienforschung aufzubauen. In einer Veröffentlichung von 2010 berichteten die Wissenschaftler von ersten Erfolgen mit einer Technik der Verwendung menschlicher Zygoten (einzelliger Embryos), die so gestaltet sind, dass sie nur gesunde Mitochondrien enthalten. Aber sie konnten nur etwa 8% der Zygoten in eine etwas spätere Stufe weiterentwickeln.

Trotzdem sandte eine Koalition von Wissenschaftlern und Geldgebern 2011 einen Brief an den ehemaligen britischen Gesundheitsminister Andrew Lanslay mit der Bitte, die Regulierung zu überprüfen, um die Verwendung der neuen Techniken in der klinischen Behandlung zu ermöglichen, “sobald ausreichende präklinische Ergebnisse vorliegen”. Die einflussreichen Gruppen hinter der Koalition – darunter die britische Academy of Medical Sciences, der Medical Research Council und der Wellcome Trust – behaupteten, in naher Zukunft könnte “die Umsetzung von Forschung in Behandlung erreichbar sein”.

Aber “Behandlung” bedeutet hier nicht, bestehenden Kranken zu helfen. Statt dessen könnte mit der Technik das Risiko einer kleinen Gruppe von Frauen mit mitochondrialer Krankheit (in Großbritannien jährlich etwa 10-20) dafür gesenkt werden, dass ihre Kinder die Mutation erben – und dabei würde ein Präzedenzfall mit möglicherweise ernsten Konsequenzen geschaffen.

Zusätzlich zu nationalen Gesetzen verbieten auch internationale Verträge wie die Vereinbarung für Menschenrechte und Biomedizin des Europarats (die Großbritannien nicht unterzeichnet hat) die genetische Veränderung der menschlichen Keimbahn ausdrücklich. Die einfachste Erklärung für diese Prohibition wäre eine moralische Abneigung gegen Eugenik, die Pseudowissenschaft von der Verbesserung der genetischen Struktur der Bevölkerung, die im Westen in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts beliebt war, bevor sie durch die Anwendung der Nazis diskreditiert wurde.

Im Gegensatz zu Eugenikern hoffen Fürsprecher der Veränderung von Mitochondrien-DNA lediglich, zukünftige Generationen von tödlichen Krankheiten zu befreien. Trotzdem fürchten sich die Kritiker vor einem Abhang, auf dem man ins Rutschen kommt. Immerhin könnte das Durchbrechen der ethischen und legalen Barriere hin zur dauerhaften genetischen Veränderung es schwieriger machen, ihre Anwendung für die Behandlung nicht tödlicher Krankheiten oder gar zur Steigerung von Qualitäten wie kognitiver Fähigkeit oder athletischen Könnens zu verhindern.

Aber die akutere Gefahr liegt darin, dass jede Art von genetischer Veränderung der Keimbahn langfristig zu dauerhaften Schäden führen könnte. Das Expertengremium der HFEA selbst berichtete, sogar für momentan lebende Patienten sei die Sicherheit mitochondrialer Techniken weit davon entfernt, garantiert zu sein. Was sie für ihre Nachfahren bedeuten könnte, ist noch weniger bekannt.

Eine Expertin für Mitochondrienforschung der Universität von Oxford, Joanna Poulton, ist der Ansicht, es könne noch nicht akzeptiert werden, Behandlungen mit so geringem Wissen über die möglichen Folgen durchzuführen, wenn vernünftige Alternativen – wie Eizellenspende von Frauen ohne mitochondrialer Krankheit oder Präimplantations-Gendiagnose – verfügbar sind. Sie sagt: “Es gibt nur wenige Familien, die keine gespendeten Oozyten (Eizellen) verwenden würden, wenn Präimplantations-Gendiagnose versagt und das Risiko schwer geschädigter Babys so hoch ist, dass die Anwendung der neuen Techniken angemessen wäre.”

Tatsächlich haben mitochondriale Studien bereits zu unerwarteten Ergebnissen geführt. So haben Wissenschaftler in Oregon kürzlich bei einigen von ihnen manipulierten menschlichen Eizellen abnormale Befruchtung beobachtet. Da die defekten Eizellen zur vorzeitigen “Abtreibung” führen, sind für die Technik mehr Eizellen erforderlich als erwartet – was zu möglichen Risiken für die Spenderinnen führt. Tatsächlich hat das Team für seine Studie 106 Eizellen von sieben Frauen verwendet, und eine von ihnen hat allein insgesamt 28 Eizellen gespendet, was auf ovariale Überstimulation hindeuten könnte, die gefährlich oder gar tödlich sein kann.

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Wie alle menschlichen Unternehmungen liegt auch die Wissenschaft manchmal falsch. Bei genetischer Veränderung der Keimbahn besteht die Gefahr, solche Fehler dauerhaft festzuschreiben. Die wissenschaftlichen und gemeinnützigen Organisationen Großbritanniens, die Mitochondrienforschung befürworten, sind stolz auf die laxen Gesetze des Landes, die ihnen eine “internationale Führung” verschafft haben. Aber eine weitere derartige Nachsichtigkeit gegenüber der Genmanipulation der menschlichen Keimbahn könnte dazu führen, dass dies von zukünftigen Generationen sehr anders gesehen wird.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff