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Das Recht zum Massakrieren?

NEW YORK – Die Schüsse auf die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords und andere in Arizona im letzten Monat sind lediglich der jüngste Anschlag in einer Serie von Massenattentaten in den USA, bei denen der (vermutliche) Täter anscheinend an einer Geistesstörung litt. Wie zu erwarten war, hat die Tragödie von Arizona den Ruf nach politischen Änderungen laut werden lassen. Doch was sollte, wenn überhaupt, anders gemacht werden?

Die überwiegende Mehrheit der schwer geistesgestörten Menschen ist nicht gewalttätig. Vorherzusagen, welche die wenigen sind, die ohne eine gewalttätige Vorgeschichte zu Gewalttätern werden, ist nahezu unmöglich. Zugleich stellen Vorschläge, die Gesellschaft vor gefährlichen Geisteskranken zu schützen, ein grundsätzliches bürgerrechtliches Problem dar.

Der russische Reporter Andrei Sitov warf diese Frage auf, als er bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärte, die amerikanische Freiheit sei an dem Attentat von Arizona mit schuld: „Was das Warum angeht – das scheint gar nicht so unbegreiflich zu sein, zumindest nicht von außen. Es ist die Kehrseite der Freiheit. Wenn man keine Beschränkungen will, wenn man keine größere Rolle für den Staat will … Das ist Amerika: Demokratie, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, das Petitionsrecht bei der Regierung. Und viele Menschen im Ausland würden auch sagen, die ‚Freiheit’ eines Geistesgestörten, gewalttätig zu reagieren, ist auch amerikanisch.“

Präsident Barack Obamas Pressesprecher antwortete defensiv, dass die amerikanischen Werte keine Gewalt gutheißen. Das ist wahr, aber irrelevant. Die Frage ist, ob die amerikanischen Werte, die die Rechte des Einzelnen begünstigen, die Tragödie von Arizona in irgendeiner Weise erleichterten. Schließlich ist die Quote der schweren Geisteserkrankungen in den Industrieländern ungefähr gleich hoch, dennoch scheinen in den USA mehr solche Attentate zu geschehen als in anderen Länder.