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Das Genomversprechen erfüllen

WIEN – Für die meisten Menschen ist ein Versprechen ein Grund, etwas zu erwarten, eine begründete Hoffnung ohne Übertreibung. Und ein Versprechen in diesem Sinne verbindet Wissenschaft und Gesellschaft: Die Öffentlichkeit vertraut darauf, dass wissenschaftlicher und technischer Fortschritt der Schlüssel ist, mit dem man sich auf dem ungewissen Weg in eine bessere Welt, in der künftige Generationen länger, gesünder und glücklicher leben können, zurechtfindet.

Erstmalig wurde dieses Versprechen vor fast 400 Jahren mit der Institutionalisierung der modernen Wissenschaft gegeben. Nachdem festgestellt wurde, dass man mithilfe der Mathematik die physische Welt verstehen konnte, wandte sich eine kleine Gruppe von Naturphilosophen mit konkreten Zielen dem experimentellen Empirismus zu. Die von dieser Minderheit angeführte wissenschaftliche Revolution eroberte Europa und breitete sich später in der übrigen Welt aus.

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In seiner Instauratio Magna vermittelte Francis Bacon, einer der wortgewandtesten Befürworter der modernen Wissenschaft, eine Vision von einer neuen Welt, die durch die systematische Erforschung natürlicher Phänomene verwandelt wird. Indem man die Natur nachahme und beuge, erklärte er, würden ihre Geheimnisse offenkundig – und könnten so dazu benutzt werden, das menschliche Leben zu verbessern. Bacons pragmatisches Ziel, das wissenschaftliche Verständnis natürlicher Ursachen einzusetzen, um „alle möglichen Dinge zu bewirken“ (was heutzutage als Innovation bezeichnet wird), war das ursprüngliche Versprechen der Wissenschaft an die Gesellschaft und bildete den Kern der Aufklärung.

Obwohl viele Versprechen der Wissenschaft erfüllt wurden – vor allem die dramatische Verlängerung der menschlichen Lebensspanne und der Freizeit –, sind viele andere nur teilweise oder gar nicht erreicht worden. Trotzdem hat das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft nicht gewankt. Zwar haben sich spezifische Ziele verändert, aber die allgemeine Auffassung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse das Leben der Menschen grundlegend verändern – wenn kulturelle, institutionelle und Bildungsfaktoren mit der technischen und industriellen Dynamik zusammenlaufen –, ist nach wie vor fest verankert.

Heute ist vor allem die Genetik Ursprung des wissenschaftlichen Versprechens. Seit James D. Watson und Francis Crick 1953 die Struktur der DNA entdeckten, wurde eine ungeheure Menge an verfügbaren genetischen Daten identifiziert, und es haben sich neue Formen der wissenschaftlichen Organisation und neue Arbeitsweisen herausgebildet. Infolgedessen hat die Genetik die Wissenschaft an den Rand einer neuen Ära der Aufklärung geführt, in der Individuen anhand der Beziehungen ihrer einzigartigen Genomdaten verstanden werden.

Diese Entwicklung – die jüngste Verkörperung der endlosen Suche nach dem menschlichen Fortschritt – stellt die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Das American Museum of Natural History fragte zur Eröffnung seiner Genetikausstellung im Jahr 2001 provokant: „Die Genomrevolution ist da – sind Sie bereit?“

Zum Beispiel wird diese Revolution zweifellos zur künstlichen Erzeugung von Leben mithilfe der synthetischen Biologie führen, eine nach wie vor umstrittene Aussicht. Ebenso hat die Epigenetik (die Lehre von den vererbbaren Veränderungen in der Genfunktion, die auftreten, ohne die DNA-Sequenz zu verändern) der alten Natur-oder-Kultur-Debatte eine neue Form gegeben, da durch sie der multidimensionale Charakter des Zusammenhangs zwischen biologischer und sozialer Entwicklung hervorgehoben wurde. Das wachsende Verständnis für transgenerationale epigenetische Veränderungen, ob ernährungsbedingt oder neuronal, hat neue Perspektiven für die Formbarkeit des Phänotypen (die beobachtbaren Eigenschaften eines Organismus) eröffnet sowie für die Faktoren, die ihn beeinflussen könnten. Somit ist jetzt offensichtlich, dass der eigene Lebensstil nicht nur einen selbst betrifft.

Diese Entwicklungen – und die Fragen, die sie aufwerfen – machen deutlich, dass es notwendig ist, die Landkarte der Wissenschaften neu zu zeichnen. Entscheidend ist eine umfassendere Forschungsagenda, die die Sozialwissenschaften einbezieht, um sicherzustellen, dass wir alle vom Versprechen der Genforschung profitieren.

In der Tat ist diese Forschung unerlässlich, um die Faktoren zu verbessern, die am meisten zum Wohlstand einer Gesellschaft beitragen: Gesundheit, Bildung und Ethik. So kann ein umfassenderes Wissen über die persönliche Genomik ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit erzeugen. Durch ein besseres Verständnis der Beziehungen der Menschen zueinander – von den Auswirkungen, die der persönliche Lebensstil auf die Gesundheit zukünftiger Generationen haben könnte, bis hin zu den zersetzenden Effekten bestehender Ungleichheiten und dem begleitenden Risiko einer neuen genetischen Trennlinie – könnte eine gesündere, egalitärere Gesellschaft geschaffen werden.

Doch müssen bei der Umsetzung dieser Vision die unterschiedlichen Entscheidungen, die Menschen in einer pluralistischen Gesellschaft treffen, berücksichtigt werden. Zu diesem Zweck würde die Zusammenarbeit zwischen sozialen und wissenschaftlichen Institutionen dazu beitragen, die sprachlichen und kulturellen Barrieren abzubauen. Dabei müsste sichergestellt werden, dass die genomische Revolution der Öffentlichkeit hilft, anstatt sie zu entfremden, und somit den wirklichen Test für jeden wissenschaftlichen Fortschritt besteht: die Relevanz für den Alltag. In einer Welt, die von vielen sich überschneidenden Krisen geprägt ist, müssen die Leute das, was die Genetik zu bieten hat, sehen, verstehen und sich damit identifizieren.

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Auf die Frage, was uns schlaflose Nächte bereiten sollte, antwortete der Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen: „Die Tragödien, die wir verhindern können, die Ungerechtigkeit, die wir wiedergutmachen können.“ Den wissenschaftlichen Fortschritt für die Verhinderung von Tragödien und die Wiedergutmachung von Ungerechtigkeit einzusetzen erfüllt eines der zentralen Versprechen der Wissenschaft. Die Stärkung der praktischen Rolle der Genetik ist ein essenzieller Schritt in diese Richtung.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann