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Was Reue über den Brexit bewirken könnte

LONDON – Bis die Menschen des Vereinigten Königreichs dafür stimmten, die Europäische Union zu verlassen, war die Flüchtlingskrise das größte Problem, vor dem Europa stand. Tatsächlich spielte diese Krise eine entscheidende Rolle dabei, die größere Gefahr des Brexit heraufzubeschwören.

Das Brexit-Votum war ein großer Schock; am Morgen nach der Abstimmung schien ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union praktisch unvermeidlich. Gärende Krisen in anderen EU-Ländern, insbesondere Italien, vertieften die finstere Prognose im Hinblick auf das Überleben der EU.

Doch jetzt, da der erste Schreck über das britische Referendum abklingt, geschieht etwas Unerwartetes: Die Tragödie scheint nicht länger als Fait accompli. Nun, da das Hypothetische wahr geworden ist, empfinden viele britische Wähler ein gewisses Maß an „Kaufreue“. Das Pfund Sterling ist abgestürzt. Ein weiteres schottisches Referendum ist inzwischen hochgradig wahrscheinlich. Die einstigen Anführer der „Leave“-Kampagne haben sich einem merkwürdigen Anfall mörderischer Selbstzerstörung hingegeben, und einige ihrer Anhänger haben begonnen, die düstere Zukunft, die auf ihr Land und auf sie selbst zukommt, in Ansätzen zu erkennen. Ein Zeichen für den Wandel in der öffentlichen Meinung ist eine von inzwischen vier Millionen Menschen unterstützte Kampagne, das Parlament per Petition aufzufordern, ein zweites Referendum abzuhalten.

Genau wie der Brexit eine negative Überraschung war, ist die spontane Reaktion darauf eine positive Überraschung. Menschen auf beiden Seiten – und, besonders wichtig, diejenigen, die nicht einmal mit abgestimmt haben (insbesondere junge Leute unter 35) – wurden dadurch mobilisiert. Dies ist eine Art von Graswurzelbewegung, die hervorzubringen der EU bisher noch nie gelungen war.