Die Kraft des Lebens in der Wahrheit

NEW YORK – Das, woran es der Welt am meisten mangelt, ist nicht Öl, Trinkwasser oder Nahrung, sondern moralische Führung. Mit einer Verpflichtung zur Wahrheit – im wissenschaftlichen, ethischen und persönlichen Bereich – kann eine Gesellschaft viele Krisen von Armut, Krankheit, Hunger und Instabilität überwinden. Die Macht aber verabscheut die Wahrheit und bekämpft sie unerbittlich. Halten wir also inne, um Václav Havel, der diesen Monat gestorben ist, dafür zu danken, dass er einer Generation die Chance gegeben hat, in Wahrheit zu leben.

Havel war ein zentraler Führer der revolutionären Bewegungen, die zur Freiheit in Osteuropa und in diesem Monat vor 20 Jahren zum Ende der Sowjetunion geführt haben. Die Theaterstücke, Essays und Briefe Havels geben einen Einblick in seinen moralischen Kampf, dem er bei seinem Versuch ausgesetzt war, unter den Diktaturen Osteuropas ein ehrliches Leben zu führen. Um in der Wahrheit zu leben, wie er es nannte – ehrlich sich selbst gegenüber und heldenhaft ehrlich gegenüber der autoritären Macht, die seine Gesellschaft unterdrückte und die Freiheit von hunderten Millionen mit Füßen trat – riskierte er alles.

Für seine Wahl hat er teuer bezahlt und mehrere Jahre im Gefängnis verbracht. Viele weitere Jahre wurde er überwacht, schikaniert und bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit zensiert. Trotzdem verbreitete sich die Glut der Wahrheit weiter. Havel gab einer ganzen Generation seiner Landsleute Hoffnung, Mut und sogar Furchtlosigkeit. Als das Lügengewebe im November 1989 zusammenbrach, strömten hunderttausende Tschechen und Slowaken durch die Straßen, um ihre Freiheit zu feiern – und den verbannten und eingesperrten Stückeschreiber als neugewählten Präsidenten der Tschechoslowakei in das Prager Schloss zu treiben.

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