0

Die Politik der Werte

Die Diskussion um die amerikanischen Wahlen hat immer noch nicht nachgelassen. Wie hat Präsident George W. Bush es geschafft, drei Millionen Stimmen mehr als Senator John Kerry zu bekommen und außerdem in beiden Kammern des Kongresses eine republikanische Mehrheit wählen zu lassen? Bei den Antworten darauf herrscht wenig Einigkeit, doch zwei Themen tauchen in vielen Erklärungen auf.

Das eine ist Persönlichkeit. In einer Zeit voller Unsicherheiten und Bedrohungen hatten die Menschen mehr Vertrauen in den Präsidenten, den sie kannten, als in einen Kandidaten, dessen Fähigkeiten noch nicht erwiesen schienen. Das zweite Thema sind Werte. Die Leute stimmten für ein Gefüge von Werten, und nicht für eine bestimmte Politik. Tatsächlich waren einige (so wird berichtet) mit Kerrys Politik einverstanden, gaben ihre Stimme jedoch trotzdem Bush, weil sie sich mit seinen allgemeinen Einstellungen „wohl fühlten“.

Die Vereinigten Staaten sind derzeit im Hinblick auf die Wahlen deutlich gespalten. Ein Bogen blauer (demokratischer) Staaten im Osten, Norden und Westen umspannt ein riesiges (republikanisches) Gebiet in der Mitte und im Süden. Darüber hinaus spiegelt sich die Teilung auch auf lokaler Ebene wider. Wahlkreisschiebungen – d. h. das Ziehen von Wahlkreisgrenzen, um eine bestimmte politische Partei zu begünstigen – sind nicht mehr notwendig. Die Leute neigen tatsächlich dazu, in Gebiete zu ziehen, in denen andere ihre Wertvorstellungen teilen, seien sie republikanisch oder demokratisch.

Worin genau bestehen diese Werte? Sie haben angeblich etwas mit „god, guns and gays“ – mit Gott, Waffen und Schwulen – zu tun. Religion spielt dabei eine Rolle und unter anderem auch die wörtliche Wahrheit der Bibel, wenn es um die Schöpfungsgeschichte geht. Der Besitz einer Waffe ist der entscheidende Individualismustest, und der Gebrauch von Waffen in Kriegen ist nichts Abscheuliches. Schwule und andere „moderne“ Praktiken werden als maßlos abgelehnt. Wie der Politikwissenschaftler Andrew Hacker es vor kurzem ausdrückte: „Bushs Kandidatur ist so angelegt, dass sie die Mehrheit gewinnt, indem sie zirka 60 Millionen Menschen dazu verhilft, mit sich selbst zufrieden zu sein.“